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Die Zeit ist reif für Google-Aktien

Europäische Abgeordnete beobachten die Dominanz der Suchmaschine von Google mit Argwohn. Viele Probleme, die den Konzern zurzeit plagen, sind seinem immensen Erfolg geschuldet. ENLARGE
Europäische Abgeordnete beobachten die Dominanz der Suchmaschine von Google mit Argwohn. Viele Probleme, die den Konzern zurzeit plagen, sind seinem immensen Erfolg geschuldet. Agence France-Presse/Getty Images

Für supergroße Jachten gibt es momentan zu wenige Anlegeplätze. Zugegeben, das ist ein ziemliches Luxusproblem. Aber mit ganz ähnlichen Sorgen plagt sich gerade Google. GOOGL 1.01 %

Der US-Technologiekonzern kämpft mit Herausforderungen, die schlicht auf seinen unglaublichen Erfolg zurückzuführen sind: So fürchten europäische Aufsichtsbehörden, dass Googles Suchmaschine am Markt zu mächtig ist. Abgeordnete attackieren die niedrigen Steuersätze des Unternehmens. Und Anleger sind irritiert, weil Google Riesensummen investiert – vor allem in Kernbereiche wie das Geschäft mit Datenzentren, aber auch in futuristische Risikoprojekte wie selbstfahrende Autos.

Sicher, diese Dinge können die unglaubliche Profitabilität der Suchmaschine nicht gefährden. Und im vergangenen Quartal kletterte Googles Umsatz um 20 Prozent – das ist fünf Mal mehr als das durchschnittliche Umsatzwachstum der Unternehmen im Index S&P-500.

Trotzdem ist die Aktie von Google von über 600 US-Dollar im September auf inzwischen nur noch 528 Dollar gefallen.

Von hier aus könnten die Aktien innerhalb eines Jahres um 20 Prozent zulegen. Googles Probleme sind real, doch sie wirken – angesichts der Chance auf Gewinnsteigerungen in diesem Jahrzehnt und darüber hinaus – gering. Die Google-Aktie wird mit dem 18-Fachen des Gewinns der nächsten vier Quartale bewertet, während das Kurs-Gewinn-Verhältnis für den Gesamtmarkt bei 16 liegt. Googles Gewinne werden nach Analystenmeinung in den nächsten vier Jahren um 16 bis 18 Prozent steigen. Mit anderen Worten: Der Anleger bezahlt nur einen kleinen Aufschlag für ein viel größeres Wachstumspotenzial.

Und Google sitzt auf einem 59 Milliarden Dollar großen Nettovermögen. Vergleicht man den Netto-Unternehmenswert – eine Kennziffer, die den Börsenwert an die Nettoverschuldung und den Kassenbestand eines Konzerns anpasst – mit dem operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda), wird Google derzeit mit einem Aufschlag von 12 Prozent gegenüber einem typischen US-Technologieunternehmen bewertet. Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre belief sich dieser Aufschlag auf 118 Prozent.

Googles größte Stärke ist seine dominante Position bei der Internetsuche. Der Anteil von Google am weltweiten Suchmarkt liegt bei mehr als 60 Prozent, während kein anderer Konkurrent über 10 Prozent hinauskommt. Das Geschäft ist einfach und lukrativ. Suchanfragen produzieren eine Handvoll gesponsorter Links, die über den regulären Suchtreffern erscheinen. Google wird für jeden Klick auf diese Links bezahlt.

Im vergangenen Quartal stiegen die Einnahmen aus solchen bezahlpflichtigen Klicks um 17 Prozent, während die Kosten pro Klick um 2 Prozent sanken. Im vorvergangenen Quartal waren die Einnahmen aus Bezahlklicks noch um 25 Prozent gestiegen. Aber für dieses sich abschwächende Wachstum sind Systemänderungen verantwortlich, die Google nach eigenen Angaben im dritten Quartal vorgenommen hat, um die Zahl minderwertiger Klicks zu senken.

Mit der zunehmenden Nutzung von Mobilgeräten haben die Klicks auf Anzeigen zugenommen, aber gleichzeitig haben die Abverkaufsraten abgenommen. Das legt nahe, dass viele Nutzer von Handys mit kleinem Bildschirm versehentlich auf solche Anzeigen klicken. Und das wiederum hat die Klickpreise in den vergangenen Jahren heftig abstürzen lassen. Googles Aufräumaktion scheint darauf abzuzielen, höherwertige Klicks zu besseren Preisen zu verkaufen. Die Kosten pro Klick sinken bereits langsamer als in der Vergangenheit. Im zweiten Quartal fielen die Klickpreise um 6 Prozent, und Analysten rechnen damit, dass sich der Trend im vierten Quartal abflacht und im nächsten Jahr vielleicht sogar steigt.

Google setzt auf langfristige Wertsteigerung: Die Kartografie-Technologie des Unternehmens dürfte sich in jedem Fall auszahlen. ENLARGE
Google setzt auf langfristige Wertsteigerung: Die Kartografie-Technologie des Unternehmens dürfte sich in jedem Fall auszahlen. Associated Press

Eine Stabilisierung der Klickpreise würde Google in die Startlöcher für kräftiges Wachstum bugsieren. In den USA, wo der Markt bereits mit Smartphones und Internetverbindungen gesättigt ist, müssen sich die Werbeausgaben noch an die neuen Konsumentengewohnheiten anpassen. Aus einem Medienangebot aus Fernsehen, Radio, Drucksachen, Internet und mobilen Geräten verbringen Verbraucher geschätzte 45 Prozent ihrer Zeit mit dem Internet und mobilen Geräten. Doch diese beiden Medien ziehen nur 26 Prozent der Werbeumsätze an.

Zugleich schauen junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren weniger fern als die Gesamtbevölkerung, verbringen dafür aber mehr Zeit im Internet. Das ist ein vielversprechender Trend für Google und seine anderen Webseiten, die dem Konzern im vergangenen Quartal Einnahmen von 11,25 Milliarden Dollar bescherten – oder 68 Prozent der Gesamterlöse von rund 16,5 Milliarden Dollar. Die Abwanderung der Zuschauer vom Fernsehen ins Internet macht Googles Videoseite Youtube zudem rasch zu einem Wertgegenstand.

Youtube ist dabei, weitaus mehr zu bieten als bloß ein Sammelsurium hausgemachter Videoclips mit herumtollenden Katzen und Kindergeburtstagen. Disney DIS -0.26 % kündigte dieses Jahr an, Maker Studios kaufen zu wollen – eine Medienfirma, die ihren eigenen Youtube-Kanal unterhält und mit Videos bestückt. Das Filmstudio zahlt 500 Millionen Dollar für das Unternehmen zuzüglich weiterer 450 Millionen Dollar an leistungsbezogener Vergütung.

Was denkt sich Disney bloß dabei? Erstens: Youtube hat eine Milliarde Nutzer, die sich zusammen sechs Milliarden Stunden Videomaterial im Monat ansehen. Damit ist Youtube größer als Netflix. Zweitens: Die Werbeeinnahmen von Spitzenmarken wie Coca-Cola KO 1.28 % und General Motors GM -0.63 % fließen bereits. Nutzer finden es gut, dass Google ein Programm namens „True View“ eingebaut hat, mit dem sie Werbefilmchen nach fünf Sekunden wegklicken können. Auch die Werbetreibenden finden es gut. Sie müssen am Ende nur für jene Nutzer zahlen, die interessiert genug sind, sich ein Werbevideo bis zum Ende anzusehen. Und von den übrigen Nutzern bekommen sie immerhin fünf Sekunden lang kostenlose Aufmerksamkeit.

Analysten der Investmentbank Jefferies schätzen, dass Youtube 5,9 Milliarden Dollar Umsatz in diesem Jahr erwirtschaften wird und 2016 dann 8,9 Milliarden Dollar. 53 Prozent der Erlöse sollen dann an die Nutzer fließen, welche die Videoclips erstellt haben. Nach Berechnungen von Jefferies ist Youtube zwischen 40 und 63 Dollar je Google-Aktie wert.

Google setzt auf langfristige Wertsteigerung

„True View“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass Google auf eine langfristige Wertsteigerung setzt, und nicht darauf aus ist, heute schon maximal abzukassieren. Es gibt noch weitere solche Beispiele: Google überlässt Telefonproduzenten sein Betriebssystem Android, um seine Position auf dem Suchmaschinenmarkt zu stärken. Apple AAPL 0.19 % nutzt sein eigenes Betriebssystem, aber Google verdient mit seiner Such-App auf Apple-Geräten inzwischen sogar mehr Geld mit Suchtreffern als auf Android-Geräten – und das, obwohl Google seine Einnahmen mit Apple teilt, weil iPhone-Nutzer ein attraktives Publikum sind.

Der Umsatz, den Google unter „Sonstiges“ auflistet und der auch die Einnahmen aus Google Play – ein Programm, das mit Apples App Store konkurriert – umfasst, stieg dank Android im vergangenen Quartal um 50 Prozent auf 1,84 Milliarden Dollar. Vor zwei Jahren brachte Google Play noch gar keinen Umsatz ein. Heute ist der Dienst so groß wie Youtube.

Dann gibt es da noch Projekte, die Anleger als Optionen für künftiges Wachstum in neuen Märkten verstehen können: Computer fürs Handgelenk, sogenannte Wearables; Warenlieferungen; superschneller Internetzugang. Wer über selbstfahrende Autos spricht, löst häufig ein Schmunzeln aus, aber Analysten von Piper Jaffray sprachen dem Markt einen geschätzten Wert von 60 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2030 zu. Googles Kartografie-Technologie dürfte sich in jedem Fall auszahlen.

Google hat kräftig Geld für Neueinstellungen, Datenzentren sowie Forschung augegeben. Im vergangenen Quartal schnellten die Ausgaben um 28 Prozent in die Höhe, allein die Kosten für Forschung und Entwicklung stiegen um 46 Prozent. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung belasten die Gewinne in der kurzen Frist, was Aktien teurer aussehen lässt. Aber Unternehmen, die ihr Geld weise ausgeben, können die heutigen Kosten in die Gewinne von morgen verwandeln und zeigen, dass ihre Aktien im Grunde günstiger sind als gedacht.

Google nähert sich dem „Erntezyklus”

Die Kapitalausgaben dürften dieses Jahr 10 Milliarden Dollar übersteigen und damit dreimal so hoch sein wie vor zwei Jahren. Das schränkt Googles verfügbaren Cashflow ein, der dieses Jahr bei rund 4 Prozent des Börsenwerts des Konzerns liegen dürfte. Aber Analysten der Credit Suisse sagen, Google nähere sich bereits dem „Erntezyklus“ – jenem Moment, wo die Ausgaben abflachen und das verfügbare Barvermögen wieder steigt. Laut der Konsensschätzung am Markt werden sich die freien Mittel im nächsten Jahr um 27 Prozent erhöhen und im übernächsten Jahr um 26 Prozent. In vier Jahren dürfte Google nach einer Konsensschätzung eine Free-Cash-Flow-Rendite – das Verhältnis der verfügbaren Barmitteln im Verhältnis zum aktuellen Aktienkurs – von 9 Prozent aufweisen.

Doch es gibt auch negative Punkte: Irland etwa hat angekündigt, innerhalb der nächsten sechs Jahre ein Steuerschlupfloch zu schließen, von dem Google und andere Technologiekonzerne profitiert haben. Europäische Abgeordnete wollen Suchmaschinen von anderen Produkten und Diensten lösen – ein klarer Schuss gegen Google. Googles Netzwerkeinnahmen, das sind Erlöse aus Googles Mittlerdienst zwischen Werbetreibenden und Internetpublikationen, wachsen schneller als der Rest des Geschäfts. Im vergangenen Jahr stiegen diese Umsätze um 9 Prozent auf 3,43 Milliarden Dollar oder 21 Prozent der Gesamteinnahmen. Und wie viele andere Technologiekonzerne entlohnt Google seine Angestellten auch mit Aktien, was das umlaufende Aktienkapital um jährlich 2 Prozent verwässert.

Alles in allem aber überwiegen die positiven Punkte, und der aktuelle Aktienkurs ist attraktiv. Bei einem Kursanstieg von 20 Prozent innerhalb des nächsten Jahres würde der Preis bei knapp unter 634 Dollar liegen. Das entspräche dem 17,6-Fachen des voraussichtlichen Gewinns im nächsten Jahr. Bis dahin dürften Anleger ein besseres Gespür für Googles anhaltende Stärke auf dem Anzeigenmarkt und die wachsenden Beiträge der Dienste Youtube und Google Play bekommen haben. Die Hürden von Seiten der Aufsichtsbehörden dürften zwar bestehen bleiben, aber das ist eben die Kehrseite des Erfolgs.

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