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Achtung, Angreifer!

Mehr als 100 sogenannte Fintechs – Tech-Unternehmen mit Banking-Bezug – hat das Netzwerk mit dem Namen Fintech Forum DACH im März in Deutschland gezählt. Mittlerweile dürften einige dazu gekommen sein: Im Zahlungsverkehr, in der Kreditvergabe, im Asset Management oder als reiner IT-Lieferant. Das Wall Street Journal Deutschland hat sich drei davon genauer angeschaut. Eine komplettere Liste hat André M. Bajorat auf seinem Blog erstellt. Bajorat ist Berater in den Bereichen e-Commerce, e-Payment, Social Media und außerdem Mitgründer von Figo, einer Art Cloudspeicherplatz für Finanzen.

Kreditech

Sebastian Diemer und Alexander Graubner-Müller verleihen über zwei Plattformen Geld an Privatpersonen. Günstiger und schneller als Banken das tun, sagt Diemer. Graubner-Müller hat dafür einen Algorithmus programmiert, der unfassbar viele Informationen über Menschen sammelt – und damit ein nach Meinung des jungen Unternehmens besseres Bild über ihre Kreditwürdigkeit zeichnet, als alle Schufas dieser Welt, auf die klassische Banken vertrauen.

Zunächst wollten Diemer und Graubner-Müller ihren Algorithmus an Banken verkaufen, damit die das sogenannte Scoring für ihre Kredite künftig selbst machen können. Aber die wollten nicht. Also machten sich die beiden Gründer selbstständig. 65 Millionen Dollar haben sie mittlerweile von Wagniskapitalgebern eingesammelt.

Ihr Dienst richte sich an die fünf Milliarden Menschen die weltweit keinen Zugang zu Kredit haben, sagt Diemer. Sie sind nicht mit dem Bankensystem durch ein Konto verbunden, weil Kredite etwas für Menschen in entwickelten Ländern sind, die ein Haus und ein Auto haben. „Die sind für die Banken relevant, weil sie gewisse Sicherheiten bieten.“ Diemer und seinen Partner interessieren diese Sicherheiten wenig.

Die Informationsflut beginnt mit der Anmeldung und den Daten, die der Neukunde über sich eingibt. Zudem kauft Kreditech Datenbanken zu. Und: Die Kunden haben die Möglichkeit, dem Unternehmen Zugriff auf Social-Media-Profile zu geben. Aus diesen Daten leitet der Algorithmus die Kreditwürdigkeit ab.

„Jemand postet auf Facebook, FB 1.26 % dass er geheiratet hat und schaut auf einer Immobilienplattform jeden Tag nach Eigentumswohnungen in Hamburg. Da liegt es nahe, dass der demnächst einen Immobilienkredit haben will. Diese Gedankenvorgänge hat eine Bank nicht, weil sie diese Daten nicht auswertet“, beschreibt Diemer das Dilemma, das er sieht. Pro Kunde versammelt Kreditech 15.000 Datenpunkte, die zusammen ein sehr gutes Mosaik über die Situation und das Verhalten eines Menschen ergeben.

Nach einer kurzen Testphase und einer ersten Finanzierungsrunde war klar: Der Algorithmus funktioniert. Also wieder zu den Banken. Kaufen wollte wieder keiner, aber Kreditech erhielt Einblick, wie die Kreditvergabe bei den Banken läuft. „Da druckt der Herr Müller die Tausende Datenpunkte aus und bringt sie dann dem Herr Meier ins Büro. Da wussten wir, dass wir wahrscheinlich nicht nur das Scoring, sondern auch das Banking besser können“, sagt Diemer.

Das bietet Kreditech mittlerweile über zwei Plattformen an: Kredito24 für schnelle, kleine Kredite, mit einer festen Provision, die an das Unternehmen geht. Und Zaimo, wo die Kredite größer werden und die Gebühren höher.

In den meisten Märkten wird der Kredit, den Kreditech gewährt, auf das Konto des Kunden überwiesen, das er bei der Anmeldung angibt. In Peru, wo das Unternehmen jüngst gestartet ist, allerdings nicht. Zwar haben fast alle Peruaner ein Handy, aber kaum jemand ein Konto. Das Geld aus dem Kredit können sich die Kunden also bar oder in Form einer Prepaid-Kreditkarte bei einer kooperierenden Kiosk-Kette abholen. In diesem Kreislauf spielt die Bank keine Rolle mehr.

Cashboard

Bankberater haben ein schlechtes Image, vor allem wenn es darum geht, ihre Kunden in Sachen privater Altersvorsorge zu beraten. Die wird in Deutschland viel zu wenig betrieben, da sind sich die Gründer von Cashboard und die Bundesbank einig. Die fand heraus, dass im vergangenen Jahr gut 30 Milliarden Euro in Deutschland quasi vernichtet wurde, weil viel Spargeld auf Tagesgeldkonten geparkt wird, das bei einer Verzinsung unterhalb der Inflationsrate immer weniger wird.

An Aktien, Fonds, Anleihen trauen sich die Menschen aber auch nicht. Weil, wie Cashboard-Chef Robert Henker sagt, die Sparer damit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und das wiederum liege auch daran, dass ihnen das Thema Geldanlage immer sehr kompliziert nahegebracht wurde.

Cashboard will das besser und vor allem einfacher machen. Die Einfachheit beginnt bei der Anmeldung: Es gibt nur ein Formular. Keine Protokolle, kein Postident-Verfahren für eine langwierige Registrierung.

Ein Algorithmus, den der Kunde selbst füttert, stellt dann das richtige Portfolio zusammen. Es basiert auf solchen Fragen: Willst du dein Geld sicher parken oder Gewinne erzielen? Auf wie viel Prozent deiner Anlage willst du täglich zugreifen können? Welche Schwankungen im Portfolio halten deine Nerven aus? Willst du traditionell Aktien und Anleihen oder auch moderne Anlagen?

„Für Risikomanagement und die Steuerung der Portfolios haben wir eigene Tools. Und der Kunde wird über jede Bewegung informiert und kann dann entscheiden, ob und wie er reagieren will“, sagt Henker. Zwei Prozent Garantiezins auf eine Anlage von 1.000 Euro bietet Cashboard, ohne die Nachteile, die Robert Henker bei Banken sieht.

„Wir verkaufen keine Fonds oder Anlageprodukte. Wir sind neutral und bieten eine breite Palette an möglichen Anlagen an.“ Dazu gehören neben Aktien oder Fonds auch Kredite beziehungsweise Crowdfunding. Das Depot der Kunden liegt bei der Augsburger Aktienbank, kontrolliert wird Cashboard von der Hanseatische Porfoliomanagement.

Für seine Dienste erhält Cashboard eine transparent gemachte Gebühr. Bei einer Bank zahlen die Kunden in vielen Fällen doppelt und dreifache Provisionen. „Noch bevor die einen Euro in einen Fonds eingezahlt haben“, wie Henker sagt.

Debitos

Eines der Überbleibsel aus der Finanzkrise lastet schwer auf manchen Bankbilanzen: NPLs, wie nicht mehr bediente und damit ausfallgefährdete Kredite in der Sprache der Finanzakteure heißen: Non Performing Loans. Haufenweise wurden sie in der Krise aus den Banken in Abbauportfolios oder Bad Banks ausgelagert. Aber es gibt auch für sie einen Markt. Und den bedient, im kleinen Stil, Debitos.

Debitos ist eine Art Ebay für faule Kredite und Forderungen. Eine Auktionsplattform, auf der sich Verkäufer und interessierte Käufer treffen und auf der, wie am Markt, ein Preis über Angebot und Nachfrage gebildet wird. Das Ziel von Geschäftsführer Hajo Engelke: „Wir wollen einen intransparenten und illiquiden Markt effizienter machen“.

Dabei kauft oder verkauft Debitos nicht selbst, sondern bietet nur die Plattform dafür. 90 Prozent der über Debitos gehandelten Kredite sind unbesichert oder mit Immobilienkrediten besichert. Ein heißes Eisen, hochriskant, aber für den Käufer im Zweifel lohnend. Damit sich kein Privatanleger die Finger verbrennt, lässt Debitos sie auf der Plattform erst gar nicht zu.

Theoretisch ist das auch eine Technologie, die Banken nutzen könnten. Die rufen zunächst ein paar Kollegen aus anderen Banken an, wenn sie Not leidende Kredite loswerden wollen. Anschließend finden sich die Interessenten, dann eine Due Dilligence statt, bei der die Kredite und die damit verbundenen Verbindlichkeiten genau durchleuchtet werden. Daraufhin werden die Angebote der Bieter sondiert, ein Datenraum wird erstellt, in den alle Informationen einfließen und selbst dann, wenn die Bank sich für einen Käufer entschieden hat, stehen noch Vertragsverhandlungen zu Details an.

„Das alles machen wir auch, aber schneller und günstiger“, sagt Engelke. Da die Transaktionen als Auktionen durchgeführt werden sei der Verkaufsprozess viel effizienter. Finanziert wird Debitos von drei Family Offices. „Wir sind dabei, schwarze Zahlen zu schreiben. Jetzt müssen wir zeigen, dass unser Modell skalierbar ist“, sagt Engelke.

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