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Digitaler Wandel entwickelt sich zum Mainstream im Banking

Die Konferenzdichte zur digitalen Transformation im Banking nimmt deutlich zu. Vergangene Woche traf man sich in Hamburg zur Konferenz “Finanzdienstleister der nächsten Generation” (PDF) der Frankfurt School of Finance und Management. Längst können solche Veranstaltungen, die sich mit den neuen Dienstleistungen rund um das Banking befassen, nicht mehr die gesamte Entwicklung der digitalen Transformation im Finanzsektor zeigen. Wie dynamisch das Umfeld allein in Deutschland ist, machte ein Blick auf die Mindmap deutscher Start-ups im Fintech-Umfeld von André Bajorat deutlich. Seine Übersicht wuchs von 40 Unternehmen in 2013 auf 145 in 2014. Aber zurück zum Tagungsort direkt neben dem Verlagsgebäude des Spiegel, der ja bekanntlich ebenfalls mit dem digitalen Wandel ringt.

Dr. Hendrik Brandis von Earlybird Ventures gab Einblicke in die Beteiligungsszene. Im Gegensatz zu anderen Darstellungen relativierte er das Engagement der Beteiligungsgesellschaften in Fintechs. Zwar sehe man hier ein deutliches Wachstum, und Fintech sei derzeit das “Flavour oft the month”. Nach seinen Schätzungen gingen 2014 aber nur etwa 4,4 Prozent aller Venture-Beteiligungen in Fintech-Investments. Earlybird ist u.a. an dem deutschen Lending Pionier Smava beteiligt. Brandis bestätigte den Trend, dass Peer-to-Peer-Lending sich zu einer eigenen Assetklasse für institutionelle Anleger entwickele (siehe dazu auch meine Kolumne: Peer-to-Peer-Kredite werden Alltag im Banking). Diesen Weg schlage man auch beim bereits 2007 gegründeten deutschen Pionier Smava ein, der das Wachstum vermittelter Darlehen beschleunigt habe.

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Dass einige Finanzdienstleister den digitalen Wandel weiter nur als reines Marketinginstrument sehen, zeigte die Präsentation von Thomas Freese, Leiter Marketings beim Finanzdienstleister MLP. Er präsentierte zwar eine Content-Strategie in Bezug auf die Zielgruppe junge Erwachsene, spezielle Fintech-bezogene Dienstleistungen stellte er jedoch nicht vor. Man darf daher gespannt sein, wie sich MLP künftig im Wettbewerb mit Plattformen wie Moneymeets, die auf Transparenz und Provisionsrückerstattung setzen, oder neuen Versicherungsanbietern, wie etwa Community Life, schlagen wird.

Arne Pache von Mastercard International MA 0.09 % unterstrich, dass die Kartengesellschaften weiter die grauen Eminenzen im Hintergrund des mobilen Bezahlens sind, ohne die fast nichts läuft. So bildet die MDES-Technologie von Mastercard den Kern von Apple Pay. MDES steht für “Mastercard Digital Enablement Service” und stellt über “Tokenisierung” und “Digitalisierung” sicher die Kartendetails für die Verwendung auf mobilen Endgeräten und in der Cloud zur Verfügung. Unter Tokenisierung wird dabei der Ersatz der Kartennummer durch eine alternative Nummer verstanden und unter Digitalisierung der Prozess, die “tokenisierten” Kartendetails für sichere Bezahlung zu liefern. Diese Technologie sei unabhängig vom Endgerät, das der Kunde nutzt. Nicht verraten konnte oder wollte Pache Termine und Details zur europäischen Einführung von Apple Pay.

Im Zusammenhang mit Apple Pay fiel Googles vergleichsweise defensive Positionierung beim eigenen Wallet auf. Stefan Bachmann, bei Google GOOGL -0.29 % Deutschland zuständig für Banking, mochte sich zu dem mobilen Bezahlsystem Google Wallet auf Nachfrage aus dem Publikum nicht konkret äußern. Er wies aber darauf hin, dass die Analysten von Google stets überprüfen, wie die Produkte von den Kunden angenommen und genutzt würden. Solche googletypischen Aussagen lassen natürlich Raum für Spekulationen in alle möglichen Richtungen zu.

Jens Jennissen, der Gründer von Fairr.de, präsentierte zusammen mit Michael Gott von der Sutor Bank, wie Fintechs und Banken zusammen ein Projekt stemmen können. Fairr.de hat zusammen mit dem Hamburger Traditionshaus Sutor “fairriester” entwickelt, ein online abschließbares Riester-Produkt. Das Beispiel zeigt, wie Kollaboration im digitalen Zeitalter aussehen kann. Während Fairr.de die Idee für Online-Abschluss und die Front-end-Technik liefert, kümmert sich die 1921 gegründete Sutor Bank um den komplexen Vertrags- und Genehmigungsprozess, um die Abwicklung im Hintergrund und bietet den für diese Produkte notwendigen regulatorischen Rahmen. Erstaunlich ist hier die Geschwindigkeit der Projektabwicklung. Zwischen dem ersten Kontakt im September 2013 und dem Start im Juli 2014 vergingen gerade einmal 11 Monate. Einige mögen das für lang halten. Da diese Zeitspanne aber neben Entwicklung sowie technischen und organisatorischen Anpassungen auch behördliche Zertifizierungen umfassen, kann man das als zügig ansehen. Hier hilft sicher auch, dass sich die Sutor Bank durch schlanke Organisation und kurze Entscheidungswege auszeichnet.

Valentin Stalf vom Start-up Number26 präsentierte seine Version des Bankkontos der Zukunft. Seine These: Die Filiale der Zukunft finde man künftig auf dem Smartphone. Stalf hat für Europa das erste Girokonto speziell für Smartphone-Nutzer entwickelt und zeigt in seinem Prototyp zeitgemäße Funktionalitäten im modernen Design. Im Gegensatz zu vielen anderen Gründern sieht er die Regulierung in Europa eher als eine Chance für Fintechs, denn die europäische Regulierung sorge für die rechtliche Angleichung der Regeln in den Staaten der EU. Das sei ein Fortschritt im Vergleich zu den früheren fragmentierten gesetzlichen Regeln. Auch Number26 arbeitet für die Einhaltung regulatorischer Anforderungen und den Einlagenschutz mit einer Bank zusammen.

Yassin Hankir, Vorstand und Gründer der Vaamo Finanz AG, führte in die in dieser Kolumne bereits vorgestellten Feinheiten des Robo-Advisorys ein, also der automatisierten Anlageberatung. Das Grundkonzept von Vaamo basiert darauf, dass für viele Kunden die Geld- und Kapitalanlage über Wertpapierinstrumente viel zu kompliziert und intransparent sei. Aber auch erfahrenen Fachleuten gelänge es selten, durch ihr Handelsverhalten den Markt zu schlagen (siehe dazu diesen Beitrag von Vamoo-Mitgründer Andereas Hackethal). Mit Vaamo kann sich der Anleger auf seine Anlageziele konzentrieren und braucht sich nicht mit den Details der Kapitalanlage zu befassen.

Parallel zu Hankir stellte Andreas Kern Wikifolio vor. Das Konzept hatte ich in verschiedenen Kolumnen bereits beleuchtet (zum Beispiel hier). Wikifolio kann mittlerweile auf 1.850 in Form von an der Börse gehandelten Zertifikaten blicken und einem investierten Kapital von über 280 Millionen Euro.

Thomas Frank Dapp vom Research der Deutschen Bank präsentierte in einem Impulsvortrag einige Highlights aus seiner Studie Fintech – Die digitale (R)evolution im Finanzsektor (PDF), über die ich bereits hier geschrieben habe. Er machte einmal mehr deutlich, wie weit die Entwicklung gegangen ist und betonte den Handlungsbedarf der etablierten Banken. Mittlerweile scheint man auf Dapp auch im eigenen Haus zu hören. Jedenfalls stellt sich die größte deutsche Bank gerade neu auf und richtet einen neuen Geschäftsbereich für Digitales ein.

Den Handlungsbedarf sahen auch die meisten Besucher, darunter viele Führungskräfte aus Banken. Zwar konnte auch diese Veranstaltung nicht den Königsweg des digitalen Wandels zeigen, aber der Tag in der Speicherstadt machte deutlich, dass Ignorieren und Weglächeln keine Optionen mehr für Banken sind, wenn sie sich zukunftsfähig aufstellen wollen. Die noch vor einigen Jahren spürbare Skepsis auf solchen Veranstaltungen ist einem realistischen Pragmatismus gewichen.

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

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