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Start-ups wollen schneller sein als Amazon und Post

MyLorry und Tiramizoo bieten Same-Day-Delivery in deutschen Großstädten an

Das Team von MyLorry um Maximilian von Waldenfels (rechts).
Das Team von MyLorry um Maximilian von Waldenfels (rechts). MyLorry

Den gelben Zettel am Briefkasten soll es nicht mehr geben, verspricht Maximilian von Waldenfels. Nie mehr sollen die online bestellten und heiß ersehnten Konsumträume auf irgendeiner Postfiliale der Abholung harren. In Waldenfels‘ Welt klingelt ein freundlicher Kurier zu einer vereinbarten Zeit und bringt die Pakete mit Schuhen, Kleidung, Büchern oder einem neuen Fernseher an die Wohnungstür. Wenn der Gründer gefragt wird, was sein Start-up MyLorry macht, dann sagt er: „Uber für Logistik.“ Über eine App sind zwölf Großstädte wie Berlin, München, Hamburg, Dortmund und Düsseldorf freie Kuriere zusammengeschaltet, die der Kunde für seine Einkäufe buchen kann. Hunderttausend gebe es ganz Deutschland, sagt Waldenfels. Diese Masse will er für sich mobilisieren.

Schon nach 90 Minuten soll einer aus diesem Heer das im Onlineshop gekaufte Produkt an der Haustür anliefern. Bei MyLorry heißt dieser Service Instant-Delivery und funktioniert nach folgendem Prinzip: Direkt nach der Bestellung wird das Produkt bei der örtlichen Filiale eines Einzelhändlers verpackt, der Fahrer nimmt es entgegen und liefert es dem Besteller nach Hause. Die Kunden können aber auch einen anderen festen Liefertermin beliebig auswählen und müssen nicht mehr mit einer Zeitspanne von vier Stunden leben, in denen sie zu Hause warten. „Die Transportlogistik ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen“, sagt Waldenfels. Diesen Schluss haben auch andere für sich gezogen. Dieselben Leistungen wie MyLorry bietet auch das Start-up Tiramizoo für 18 deutsche Großstädte.

Der Einzelhandel ziert sich noch

Beide Unternehmen sehen sich wegen ihrer Schnelligkeit als perfekte Partner für den örtlichen Einzelhandel, dem Versandriesen wie Zalando und Amazon heftig zusetzen. Aus deren Lagern schafft es die Expressbestellungen im Regelfall frühestens am Folgetag zum Kunden. Die Präsenz vor Ort könnte sich für die Bedrängten in einen Zeitvorteil verwandeln. Doch große Einzelhändler wie Karstadt, Galeria Kaufhof, Ikea oder Peek und Cloppenburg sind noch zurückhaltend. Tiramizoo hat für seinen Dienst bisher Mediamarkt und Saturn, MyLorry die Baumarktkette Hellweg gewonnen.

Die Unternehmensberater von McKinsey sehen in der Zustellung am selben Tag einen großen Wachstumsmarkt. Schon am Ende des Jahrzehnts soll er in westeuropäischen Ländern 15 Prozent des Umsatzes bei der Paketversendung ausmachen. Heute sind es weniger als ein Prozent. „Multikanalhändlern bietet Same-day-Delivery die Möglichkeit, stärker am E-Commerce-Boom teilzuhaben und so Kunden zurückzugewinnen“, heißt es in einer Studie vom April. McKinsey hat für seine Untersuchung außerdem 1.000 Verbraucher aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Schweden befragt. Hierzulande ist die Option für die schnellste Liefervariante noch keine Selbstverständlichkeit. Nur vier von zehn Verbrauchern kannten das Konzept. Die Studie zeigt auch, wie viel die Deutschen bereit sind dafür auszugeben. Die taggleiche Zustellung, schreibt McKinsey, ist dann attraktiv, wenn sie nicht mehr als zehn Prozent des Einkaufswertes kostet.

Für ein Taschenbuch zu teuer

MyLorry verlangt für Pakete bis zu einem Gewicht von 90 Kilo einen Grundpreis von 5,95 Euro. Pro gefahrenem Kilometer kommen dann 1,19 Euro hinzu. Der Wettbewerber Tiramizoo berechnet für die Sofortlieferung binnen anderthalb Stunden für ein Paket 21,90 Euro, wenn die Anfahrt im Radius von 15 Kilometern bleibt. Beide Start-ups kassieren eine Provision von 20 Prozent, der Rest geht an die Fahrer. Der superschnelle Transport dürfte für die Bestellung eines Taschenbuches oder einer DVD zu teuer sein. Beim neuen Plasma-Fernseher vor dem Champions-League-Finale würde das aber weniger stark ins Gewicht fallen.

Der Handel sieht Same-Day-Delivery als Chance, warnte aber vor zu großen Erwartungen. „Das wird ein zusätzliches Angebot sein, aber nicht alle Probleme lösen. Die Kostenaspekte stehen doch sehr im Vordergrund“, sagt Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland (HDE). Der HDE geht davon aus, dass der E-Commerce in diesem Jahr um 17 Prozent zulegen wird. Für den gesamten Einzelhandel lautet die Prognose lediglich auf plus 1,5 Prozent.

Für die Einzelhändler ist das Lieferversprechen am selben Tag bei allen zusätzlichen Umsatzmöglichkeiten auch eine große Herausforderung. McKinsey sieht auf Seiten der Unternehmen noch Investitionsbedarf, um die Ware schnell kommissionieren und verpacken zu können. Sie müssen aber vor allem sicherstellen, dass das gewünschte Produkt tatsächlich vorrätig ist. Ein anderes Problem für große Anbieter ist die lokale Begrenztheit von MyLorry und Tiramizoo auf Ballungsgebiete. „Große Handelsketten richten sich in ihren Webshops mit einem Preis für ganz Deutschland an die Kunden – egal ob Provinz oder Ballungsgebiet“, erklärt Georg Rilling. Er berät Unternehmen dabei, ihre Logistik und Belieferung zu verbessern. Es sei für die Kundenabsprache nicht optimal, einen Onlineshop mit 20 Ausnahmestädten zu programmieren, für die Same-Day-Delivery möglich ist. Deshalb, so Rilling, setze der Einzelhandel bisher auf die Post und ihre Tochter DHL, die die Ware über ihre Expressfunktion am nächsten Tag zum Einheitspreis in jeden Winkel der Republik bringt.

Die Post will mit Paketboxen kontern

Das Problem mit den ungeliebten Zetteln am Briefkasten will der ehemalige Staatskonzern mit seinen Paketboxen lösen, die sich die Post-Kunden aufstellen lassen können. Bei seiner Rede auf dem Logistikkongress in Berlin widmete Post-Chef Frank Appel vergangene Woche den Großbriefkästen einen ganzen Abschnitt. „Es geht nicht mehr um das Bewegen von A nach B, sondern darum das Leben der Menschen zu verbessern“, sagte Appel. Das Aufstellen einer Paketbox kostet zwischen 119 und 278 Euro je nach Größe und Modell. Ähnlich wie die Sofortlieferung ist das kein Schnäppchen.

Die Furcht vor der neuen Konkurrenz der Kuriervermittler muss bei Appel aber noch nicht die Alarmglocken läuten lassen. Denn auch Amazon hat den Nischenmarkt identifiziert. Ein Teil des Sortiments kann per Evening Express in Ballungsräumen noch am selben Tag zwischen 18 und 21 Uhr geliefert werden. Partner für diesen Service ist die Post, bei der Amazon für viel Umsatz sorgt. Gegenüber der neuen Konkurrenz ist Appels Konzern tatsächlich der gelbe Riese. Im bald beginnenden Weihnachtsgeschäft transportieren seine Lieferwagen 8 Millionen Pakte am Tag. MyLorry will im November die Marke von Zehntausend knacken – allerdings pro Monat.

Kontakt zum Autor: christian.grimm@wsj.com

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