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Das Web stirbt – und die App ist der Mörder

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Phil Foster

Das Web – dieser dünne Mantel visuell lesbaren Designs, der über dem maschinellen Geschwätz liegt, das das Internet ausmacht – stirbt. Die Art und Weise, wie sich das Web verabschiedet, hat noch viel weitreichendere Folgen als fast alles andere in der Technologiebranche heute.

Nehmen wir einmal das Mobiltelefon. All die kleinen „runden Quadrate“ auf dem Bildschirm sind Apps – keine Webseiten. Und ihre Funktionsweise unterscheidet sich grundlegend von der des Webs.

Es gibt unzählige Daten, die uns vor Augen führen, dass wir viel Zeit in Apps verbringen, die wir früher im Web unterwegs waren. Wir lieben Apps. Sie haben die Macht übernommen. 86 Prozent unserer Zeit mit Mobiltelefonen verbringen wir in Apps. Nur 14 Prozent bleiben fürs Web übrig. Das hat die Datenanalysefirma Flurry errechnet. Auf den ersten Blick sieht das nach einer trivialen Veränderung aus. Früher haben wir unsere Routen von Webseiten wie MapQuest und Google GOOGL 0.99 % Maps ausgedruckt, häufig war das Ergebnis unbefriedigend und verwirrend. Heute öffnen wir Waze und andere Apps und werden in Echtzeit um Staus und andere Verkehrsprobleme herumgeleitet. Für alle, die sich an die Zeit davor erinnern, dürfte das einem Wunder gleichkommen.

Aus Nutzersicht sind Apps ein Hauptgewinn. Sie sind einfacher und schneller als alles, was davor war. Hinter all den Annehmlichkeiten versteckt sich jedoch etwas sehr finsteres: Das Ende all der Offenheit, die es Internetfirmen in der Vergangenheit erlaubt hat, zu den wichtigsten oder mächtigsten Unternehmen des 21. Jahrhunderts zu wachsen.

Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf eine der grundlegendsten Aktivitäten des E-Commerce: die Annahme von Kreditkarten. Als Amazon das Web betrat, musste es ein paar Prozent an Transaktionsgebühren zahlen. Apple hingegen verlangt 30 Prozent von allen Transaktionen, die über Apps abgewickelt werden, die es im eigenen App Store anbietet. „Nur sehr wenige Firmen können sich dem widersetzen“, sagt Chris Dixon, Risikokapitalgeber bei Andreessen Horowitz.

App Stores sind in der Regel an ein bestimmtes Betriebssystem oder an spezielle Geräte gebunden. Sie sind eingezäunte Gärten, in denen Apple, Google, Microsoft MSFT 0.13 % und Amazon die Regeln vorgeben. Eine Zeitlang bedeutete dies, dass Apple die alternative Währung Bitcoin ausgrenzte, die von vielen Technologie-Experten als revolutionärste Entwicklung im Internet seit dem Hyperlink betrachtet wird. Auch kommt es immer wieder vor, dass mobile Programme nicht akzeptiert oder aus dem Store gelöscht werden, weil sie gegen Apples Richtlinien verstoßen oder mit eigenen Angeboten konkurrieren.

Die Probleme mit Apps sind jedoch noch viel tiefgreifender als bloß die Kontrolle durch diese wenigen Gatekeeper. Das Web wurde von Akademikern entwickelt, denen es in erster Linie um den Austausch von Informationen ging. Tim Berners-Lee wollte den Wissenschaftlern beim Bau des weltgrößten Teilchenbeschleunigers bei CERN helfen, ihre Daten zu veröffentlichen.

Keiner der „Gründer“ wusste damals, dass sie für die Geburt des größten Schöpfers und Vernichters von Wohlstand verantwortlich sein würden. Im Gegensatz zu App Stores gab es keine Bewegung, die die Anfänge des Web kontrollieren wollte. Dann wurden die ersten Standards geschaffen – wie die Vereinten Nationen, nur für Programmiersprachen. Firmen, die einander am liebsten gegenseitig ausgelöscht hätten, waren gezwungen, sich an einen Tisch zu setzen, um über Änderungen an der grundlegenden Sprache von Webseiten zu verhandeln.

Das Resultat all dieser Bemühungen: Jeder konnte plötzlich Webseiten bauen oder neue Dienste ins Leben rufen. Und jeder konnte darauf zugreifen. Google wurde in einer Garage erfunden, Facebook FB 0.23 % im Wohnheimzimmer von Mark Zuckerberg. App Stores funktionieren anders. Die Liste mit den am häufigsten heruntergeladenen Programmen verhilft den Apps zum Durchbruch. Die Suchfunktion kann man sich schenken.

Das Web basiert auf Verlinkungen. Eine ähnliche Funktion sucht man bei Apps vergeblich. Facebook und Google versuchen hier mit einem Standard namens „deep linking“ eine Lösung zu finden. Aber es gibt grundlegende technologische Hürden, die es Apps unmöglich machen, wie Webseiten zu funktionieren.

Das Web war darauf ausgelegt, Informationen öffentlich zu machen. Es war derart aufs Teilen fixiert, dass vergessen wurde, eine Option zu integrieren, mit der für Dinge bezahlt werden kann. Das ist ein Punkt, den einige der Urväter des Internets bis heute bedauern. Denn dadurch war man auf Werbung angewiesen, um überleben zu können.

Das Web war nicht perfekt. Aber es legte die Grundlage, um Informationen und Güter auszutauschen. Es zwang Rivalen, Technologien zu entwickeln, die explizit dafür gebaut wurden, mit der Technologie des Konkurrenten kompatibel zu sein. Microsofts Webbrowser musste eine Apple-Webseite abbilden können. Tat er das nicht, liefen die Nutzer zu Alternativangeboten wie Firefox oder Googles Chrome über.

86 Prozent unserer Zeit mit Mobiltelefonen verbringen wir in Apps. Nur 14 Prozent bleiben fürs Web übrig. ENLARGE
86 Prozent unserer Zeit mit Mobiltelefonen verbringen wir in Apps. Nur 14 Prozent bleiben fürs Web übrig. Bloomberg News

Heute, da Apps übernehmen, ziehen sich die Architekten aus dem Web zurück. Googles neuestes E-Mail-Experiment Inbox ist sowohl für Android und iOS verfügbar. Im Netz läuft es jedoch auf keinem anderen Browser als Chrome. Der Prozess, neue Webstandards zu schaffen, hat sich rapide verlangsamt. In der Zwischenzeit versuchen App-Store-Anbieter alles, um ihre Angebote besser als und komplett inkompatibel zu denen der Konkurrenz zu machen.

„Bei vielen technologischen Prozessen ist es so, dass etwas abnimmt, und die Reaktionen der Menschen dazu führen, dass sich diese Entwicklung noch beschleunigt“, sagt Dixon. „Wenn man ein Start-up oder eine große Firma besucht, dann gibt es dort große Teams, die sich darauf konzentrieren, sehr hochwertige native Apps zu entwickeln. Dem mobilen Web wird im Gegensatz dazu nur noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt.“

Viele Branchenbeobachter glauben, dass das völlig in Ordnung ist. Ben Thompson, ein unabhängiger Tech- und Mobile-Analyst sagt, dass er die Dominanz von Apps als „natürlichen Zustand“ von Software begreift. Reumütig muss ich ihm zustimmen. Die Geschichte der Computerwissenschaft hat uns gelehrt, dass Firmen versuchen, ihre Marktmacht auszunutzen, um Rivalen zu verdrängen. Auch wenn es schlecht für Innovationen und Konsumenten ist.

Das bedeutet nicht, dass sich das Web auflösen wird. Facebook und Google hängen immer noch davon ab, um einen Stream von Inhalten anbieten zu können, auf die über ihre Apps zugegriffen werden kann. Aber selbst das Netz der Dokumente und Nachrichten könnte verschwinden. Facebook hat Pläne vorgestellt, mit denen es die Arbeit von Verlagen ins eigene Netzwerk holen will. Damit wäre das Web am Ende nur noch eine Rarität. Ein Relikt.

Ich persönlich glaube, dass das Web ein denkwürdiger Unfall war. Eine Anomalie einer mächtigen neuen Technologie, die es aus dem Labor direkt an die Öffentlichkeit schaffte. Tech-Giganten wurden damals auf dem falschen Fuß erwischt. Das Netz hat zu einer Form von Zerrüttung geführt, die viele der heute machtvollen Konzerne gerne vermeiden wollen.

Natürlich wollen die Könige des derzeitigen App-Imperiums Innovationen nicht per se unterbinden. Es ist nur so: Wir befinden uns an einem Übergang zu einer Welt, in der bestimmte Dienste mit Apps übermittelt werden und nicht mehr über das Web. Wir sind auf dem Weg zu einem System, das Innovationen, Entdeckungen und Experimente für diejenigen, die auf das Internet angewiesen sind, immer schwieriger zu realisieren macht. Und eine einer Welt wie der unseren ist das quasi jeder.

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