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Die Weltraum-Freundschaft von USA und Russland steht vor dem Aus

US-Astronaut Deke Slayton und der russische Kosmonaut Alexej Leonow  bei der gemeinsamen Apollo-Sojus-Mission im Jahr 1975. ENLARGE
US-Astronaut Deke Slayton und der russische Kosmonaut Alexej Leonow bei der gemeinsamen Apollo-Sojus-Mission im Jahr 1975. NASA/The LIFE Picture Collection/Getty Images

Die Spannungen zwischen Russland und den USA reichen bis ins All. Für die amerikanische Weltraumbranche wird die Lage damit nach dem Absturz zweier kommerzieller Raumfahrzeuge immer komplizierter.

Russland ist der wichtigste Anbieter für die Lieferung von Nutzfracht in die Umlaufbahn. Das reicht von Kommunikationssatelliten für westliche Unternehmen bis zu amerikanischen Astronauten, die zur internationalen Raumstation ISS reisen.

Nachdem Moskau im März die Krim von der Ukraine annektiert hatte, stoppte das US-Außenministerium als Teil der Sanktionen gegen den Kreml zeitweise die Ausgabe von Lizenzen für den Export militärischer Güter nach Russland. Darunter fielen auch Satelliten. Im September stellte die Weltraumagentur Nasa Pläne vor, nach denen zwei US-Unternehmen Raketen bauen sollen, die amerikanische Astronauten zur ISS bringen sollen. Damit wären die USA weniger von Russland abhängig.

Doch die junge kommerzielle Raumfahrt steckt in der Krise. Im Oktober explodierte zunächst eine unbemannte Rakete von Orbital Sciences, die zur ISS fliegen sollte. Wenige Wochen später stürzte ein Raumflugzeug von Virgin Galactic über der Mojave-Wüste ab; der Kopilot starb dabei. Die Rakete von Orbital wurde von einem Triebwerk russischer Bauart angetrieben. Das Unternehmen hat anschließend angekündigt, „wahrscheinlich“ nicht mehr länger auf diesen Typ zu setzen.

Der Genehmigungsstopp der USA trifft vor allem die Firma International Launch Services, die zwar ihren Sitz im US-Bundesstaat Virginia hat, aber von der russischen Regierung kontrolliert wird. Sie verwendet russische Raketen, die für den Abschuss von Atomsprengköpfen konzipiert wurden, um Satelliten ins All zu bringen. Diese übertragen nicht nur Radioprogramme in die Weiten der USA, sondern versorgen unter anderem auch die US-Marine mit Breitband-Internet.

ILS und seine Kunden hätten Washington bedrängt, Satelliten von dem Stopp auszunehmen, erklärt Philip Slack, Präsident der Firma und früher Manager bei Boeing. BA 0.85 % Im Mai hob das Außenministerium dann tatsächlich das Exportverbot wieder auf.

Sanktionen gegen China seit den 1990er Jahren

Die Zusammenarbeit zwischen den USA und Russland im Weltraum ist „sehr sichtbar und sehr symbolträchtig. Wie lange sie von den größeren Spannungen in der Beziehung ausgenommen kann, ist unklar“, sagt Scott Pace, ein früherer Nasa-Vertreter, der jetzt an der George Washington University arbeitet.

Der Markt für kommerzielle Satellitenstarts, auf dem im Jahr 5,4 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden, hängt in hohem Maße von russischen Raketen ab. Die jüngsten Spannungen haben die Sorge geweckt, wie sicher der Nachschub langfristig ist. Zudem genießen diese Raketen angesichts zahlreicher Pannen keinen besonders guten Ruf.

Im Oktober explodierte eine Rakete von Orbital Sciences beim Start im US-Bundesstaat Virginia. ENLARGE
Im Oktober explodierte eine Rakete von Orbital Sciences beim Start im US-Bundesstaat Virginia. NASA/Associated Press

Seit den 1990er Jahren dürfen amerikanische Satelliten nicht mit chinesischen Raketen ins All geschossen werden. Ausnahmen kann nur der Präsident verfügen. Die Maßnahme war Teil der Sanktionen gegen Peking nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989. Später kamen Sorgen wegen Chinas zunehmender Bewaffnung und Industriespionage hinzu.

Derzeit hoffen westliche Satellitenunternehmen, dass die Krise in der Ukraine nicht weiter eskaliert und keine neuen Sanktionen der USA hervorruft. „Es könnte sich alles in einem Augenblick ändern. Es ist schwierig vorherzusagen“, sagt ein Manager einer europäischen Satellitenfirma. „Wir haben ein Auge auf der geopolitischen Situation.“

1975 feierten die USA und Russland mit dem „Handschlag im All“ ihre erste gemeinsame Weltraummission. Seitdem arbeiteten beide Großmächte dort zusammen. Nach dem Ende des Kalten Krieges bemühte sich Washington, russische Wissenschaftler und Ingenieure für westliche Projekte zu gewinnen – auch, um sie davon abzuhalten, sich anderen Staaten anzudienen.

Das hatte auch wirtschaftliches Kalkül. Die Sowjets hatten verlässliche Methoden entwickelt, Dinge ins All zu befördern. In einigen Fällen war es einfacher und billiger, Produkte aus Sowjet-Entwicklung zu kaufen, als amerikanische Alternativen von Grund auf neu zu entwerfen.

ILS setzt auf Proton-Raketen

Die internationale Raumstation ist ein Projekt, das von zahlreichen Ländern gemeinsam getragen und finanziert wird, darunter auch die USA und Russland. Nachdem die USA 2011 ihr Shuttle-Programm wegen hoher Kosten und Sicherheitsbedenken eingestellt hatten, reisen amerikanischer Astronauten mit russischen Raketen zur ISS.

Der US-Kongress hat die Nasa kürzlich aufgefordert, ihre Pläne für die Raumstation angesichts „ernster Fragen“ über die Zukunft der amerikanisch-russischen Kooperation im All klarzustellen. Moskau sendet widersprüchliche Signale, was das Projekt angeht. Im September erteilte die Nasa dem Flugzeugbauer Boeing und der Firma Space Exploration Technologies, kurz SpaceX, den Auftrag zum Bau eines Weltraumfahrzeugs, das ab 2017 US-Astronauten zur ISS bringen soll.

Die Satelliten-Transportfirma ILS entstand in den 1990er Jahren als gemeinsames Unternehmen von Lockheed und dem russischen Hersteller GKNPZ Chrunitschew. Später übernahmen die Russen die volle Kontrolle. Die Firma hat nur ein Produkt: die Proton-Rakete, die in den 1960er Jahren als Teil der sowjetischen Flotte von Interkontinentalraketen entwickelt wurde. Diese werden von Kasachstan aus gestartet.

Der Markt für den kommerziellen Start schwerer Satelliten wird von ILS und der französischen Arianespace beherrscht. SpaceX will nun aber für mehr Konkurrenz sorgen.

SpaceX hat eine Klage gegen die US-Regierung eingereicht, mit der das Unternehmen Washington zwingen will, sensible militärische Güter nicht mehr mit Raketen ins All zu schießen, die über Triebwerke russischer Bauart verfügen. Die für die Luftwaffe zuständige Staatssekretärin Deborah Lee James hatte im Juli erklärt, das Militär wolle die Abhängigkeit von russischen Triebwerken „so schnell wie möglich beenden“.

Schnelles Internet für das US-Militär

Die Proton-Raketen sind unterdessen auch wegen Sicherheitsbedenken in die Kritik geraten. Im Mai 2013 stürzte eine Proton mit russischer Ladung Sekunden nach dem Start ab. Eine Untersuchung ergab, dass Geschwindigkeitssensoren falsch installiert worden waren. Der Unfall – der fünfte in fünf Jahren – verunsicherte die Satellitenfirmen, die mit ILS zusammenarbeiten. Ein Start kostet bei ILS bis zu 95 Millionen Dollar, etwa 77 Millionen Euro.

Als das US-Außenministerium im Frühjahr die Exportgenehmigungen ausgesetzt hatte, liefen ILS und seine Kunden Sturm. Ein wichtiger Kunde ist die britische Firma Inmarsat, IMASY -0.28 % die unter anderem das US-Militär mit schnellem Internet aus dem All versorgt. Einer der Satelliten für dieses Projekt war schon in der Luft, die anderen beiden mussten warten. Im Mai hob das Ministerium das Verbot dann auf.

Ebenfalls im Mai stürzte eine weitere Proton-Rakete, die in russischem Auftrag unterwegs war, wegen Triebwerksversagen ab. „Proton hat zweifellos mehr Pannen, als sie sollte“, sagt Slack, Präsident von ILS. Seine Vorgesetzten in Moskau arbeiteten aber hart, um die Probleme zu beheben.

Im Sommer musste ILS ein Viertel seiner Belegschaft entlassen, weil weniger Aufträge hereinkamen. Und noch ein weiteres Problem tauchte auf: Die russische Regierung drängt sich in der Warteschlange für Proton-Starts immer wieder vor ILS-Kunden. Diese Praxis wird durch das russische Recht gedeckt.

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