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Showdown in Frankfurt: Bundesliga streitet über Investoren

Die brisanteste Partie der 52. Saison der Fußball-Bundesliga? Sie wird an diesem Donnerstag in Frankfurt angepfiffen. Im Sheraton Hotel an der Lyoner Straße treffen sich die Vertreter der 36 Profiklubs der 1. und 2. Liga zum alljährlichen Schlagabtausch. Diesmal dürfte mit besonders harten Bandagen gekämpft werden. Denn es geht um eine Frage, die das Wirtschaften der Vereine grundlegend betrifft. Neue Spielregeln könnten entstehen.

Für Martin Stopper, Spezialist für Sportrecht in der Anwaltskanzlei Lentze Stopper in München, geht es um Integritätsschutz. ENLARGE
Für Martin Stopper, Spezialist für Sportrecht in der Anwaltskanzlei Lentze Stopper in München, geht es um Integritätsschutz.

50+1, Integrität des Wettbewerbs – das sind die Schlüsselwörter, an denen sich die Klubmanager abarbeiten werden. Am Ende sollen sie einen Beschluss fassen, der für nachhaltige Erschütterungen im deutschen Fußballbetrieb sorgen könnte. Zu klären ist: Welchen Einfluss dürfen Investoren im Profifußball haben? Welche Regeln muss es dafür geben – und wer kommt überhaupt künftig zum Zuge?

Wenn Ligapräsident Reinhard Rauball die Mitgliederversammlung des Ligaverbandes eröffnet, dürfte auch er nicht wissen, wie die Partie in diesen Punkten verläuft. Dem 67-jährigen Juristen aber wird klar sein: Auf dem Spiel steht in diesem Jahr mehr als üblich. Andere ausstehende Entscheidungen – etwa zur Einführung der Torlinientechnik – werden zur Nebensache, wenn es um Geld und Macht geht. Hier lauern die wahren Konflikte.

Nicht viel drang im Vorfeld der wegweisenden Sitzung nach draußen. Offiziell sprach Rauball in einem Interview mit dem Kicker davon, man müsse sich „über die Anwendbarkeit der 50+1-Regel auf eingetragene Vereine Gedanken machen“. Damit war klar: Auch die Causa RB Leipzig soll von den Statuten eingefangen werden – der Zweitligaaufsteiger aus Sachsen wird von Sponsor Red Bull finanziert und kontrolliert. Generell habe man vor, auf der Sitzung „das Thema 50+1 zukunftssicher zu machen“. Auch mehrfache Minderheitsbeteiligungen sollten ein Thema sein, erklärte Rauball Ende November. Das Ziel: Wettbewerbsverzerrungen durch Kapitaleinflüsse oder auch nur deren Anschein sollen vermieden werden.

Aktuell ist etwa der Volkswagen-Konzern an drei der 36 Profiklubs als Anteilseigner beteiligt: Beim Rekordmeister Bayern München hält man über die Tochter Audi 8,3 Prozent der AG-Anteile. Die FC Ingolstadt 04 Fußball GmbH, aktuell Tabellenführer der 2. Liga, gehört der Audi-Tochter Quattro zu 19,94 Prozent – und der VfL Wolfsburg ist ein 100-prozentiges Tochterunternehmen von Volkswagen. Alles konform mit dem jetzigen Verbandsrecht. Insgesamt erhalten 16 Erst- und Zweitligisten Sponsorengeld aus der VW-Kasse.

Auch DFL-Geschäftsführer Christian Seifert äußerte sich angesichts der Eigentumsverflechtung besorgt. Die DFL müsse „alles tun, um die Integrität des Wettbewerbs zu wahren“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Es dürfe „nie der geringste Zweifel aufkommen, ob der letzte Spieltag vielleicht unter fragwürdigen Voraussetzungen stattfindet“. Wolfsburg gegen München – die beiden Klubs, bei denen VW-Chef Martin Winterkorn immer Heimspiel hat, trafen in dieser Saison gleich zum Auftakt aufeinander. Die DFL hatte die Partie der beiden Spitzenteams im Spielplan ganz nach vorne gezogen.

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Christoph Breuer, Leiter des Instituts für Sportökonomie an der Sporthochschule Köln, hält es für berechtigt, genauer hinzusehen: „Insbesondere, wenn Teams in der gleichen Liga unterstützt werden, drohen Interessenkonflikte“, sagt er.

Ursprünglich wollte man in Frankfurt zum großen Wurf ausholen – und neue Integritätsregeln zur Abstimmung bringen, die verhindern, dass Investoren in konkurrierenden Klubs jeweils stark mitreden können. Ein kolportierter Vorschlag: Beteiligungen desselben Kapitalgebers von bis zu 4,99 Prozent sollten künftig zwar in beliebiger Zahl möglich sein. Größere Anteilsübernahmen an den Klubs dagegen sollten auf die Größenordnung zwischen 5 und 10 Prozent beschränkt und einmalig sein. Die DFL machte auf Anfrage des Wall Street Journal Deutschland keine Aussage zu Details der möglichen Beschlüsse. Offenbar hatten mehrere Klubs Anträge eingebracht – auch hier bleiben Einzelheiten unter Verschluss.

Wie das Wall Street Journal Deutschland erfuhr, ist gerade das Thema Mehrfachbeteiligungen offenbar so brisant, dass eine eigentlich geplante Abstimmung über eine Satzungsänderung zur Wettbewerbsintegrität nun kurzfristig doch abgesagt wurde. Der entsprechende Antrag wurde offenbar zurückgezogen. Über die Gründe mag spekuliert werden. Auch zu diesem Punkt äußerte sich die DFL nicht.

50+1

Im deutschen Profifußball ist die Mehrheitsbeteiligung kommerzieller Investoren grundsätzlich verboten. Die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) etablierte 50+1-Regel sorgt dafür, dass der Mutterverein bei ausgegliederten Lizenzspielergesellschaften (in Form von GmbH, AG oder GmbH & Co. KGaA) stets mehrheitlich beteiligt ist. Ein Ziel von 50+1 ist es, die Chancengleichheit der Klubs zu bewahren. Ein DFB-Paragraph hatte jedoch 1999 für den VfL Wolfsburg (100-prozentige VW-Tochter) und Bayer 04 Leverkusen (100-prozentige Bayer-Tochter) Ausnahmen geschaffen. Damals wurde einem Investor nur dann eine Mehrheitsbeteiligung zugestanden, wenn dieser bereits 20 Jahre lang ununterbrochen im Klub aktiv war – dies allerdings vor dem 1.1.1999.

Die Schwierigkeiten eines solchen Beschlusses sind den Liga-Managern sehr bewusst. Denn VW ist ja bereits doppelt mit Minderheitsbeteiligungen im Spiel – in München und Ingolstadt. „Da haben wir das nächste Problem“, sagte ein Klubfunktionär dem Wall Street Journal Deutschland. „Im Kern müssen wir auch da wieder einen Bestandsschutz machen. Man kann ja nicht Volkswagen enteignen.“ Bestandsschutz heißt: Über das, was da ist, darf man nicht hinausgehen.

Doch wie weit käme die Liga wirklich mit dem nächsten Kompromiss zugunsten des Autobauers – also einer neuen Lex VW? Weckt das nicht neue Begehrlichkeiten? Oder muss man VW tatsächlich mit Verbandsrecht dazu bringen, Anteile zu reduzieren, um unter die gewünschte Schwelle zu kommen?

Zur Diskussion steht die Kernfrage: Wie weit kann eine Verbandsautonomie die Freiheit des Kapitals begrenzen. Das ist juristisch hoch spannend. Kann ein Verband vorgeben, wie viele Anteile jemand an einem Verein oder einer Kapitalgesellschaft haben darf?

Martin Stopper, Spezialist für Sportrecht in der Anwaltskanzlei Lentze Stopper in München, hält das Ansinnen für einen Drahtseilakt, aber er kommt zu einem klaren Votum. „Es geht hier um den Integritätsschutz im Rahmen der Liga“, sagt Stopper. „Wenn man die gewachsene Macht eines Investors Stück für Stück weiter zurückfährt, weil man die Gefahren anders bewertet als vorher, halte ich das rechtlich für möglich.“ Eine Analogie sieht der Anwalt im Kartellrecht: „So wie auch das Bundeskartellamt zu Marktteilnehmern sagt: Ihr habt zu viel Macht, ihr müsst euch entflechten.“

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Es geht konkret um Volkswagen. „Entweder man muss das Bestehende tolerieren oder eine Übergangszeit zur Verfügung stellen, um dann rechtssicher eine Veränderung der Struktur darzustellen, und zwar ausnahmslos“, sagt Stopper. Er erinnert an die schwierige Geburt der 50+1-Regel, bei der für zwei Werksklubs eine Ausnahme ins Regelwerk aufgenommen wurde.

„Man hat damals bei 50+1 Leverkusen und Wolfsburg einen Bestandsschutz gewährt und gesagt: Ihr seid ein Ausnahmebereich. Das jetzt wieder zu tun, ist nicht glaubwürdig. Bei der Bewertung von Einflussmöglichkeiten kann es schwerlich unterschiedliche Kennzahlen geben, da muss man dann auch einmal überlegen, sich rückwärtig anzupassen, um Gleichheit zu erzeugen.“ Stopper spricht Großes gelassen aus: Im Klartext hieße diese Konsequenz: VW müsste im deutschen Profifußball desinvestieren.

Durchaus tangiert wäre Klaus Allofs, Geschäftsführer Sport des VfL Wolfsburg. Gelassen analysiert er die möglichen Neuerungen: „Für den VfL Wolfsburg wäre die geplante Regelung zu Mehrfachbeteiligungen sogar gut, weil es heißt, dass sich das Engagement von Volkswagen nicht verschieben könnte. Es hätte also für uns keine negativen Auswirkungen.“ Freilich könnten Unternehmen eine andere Betrachtung haben. „Man kann sich grundsätzlich schon fragen, warum hier der Wettbewerb eingeschränkt werden soll und warum sich ein Unternehmen nicht mehrfach engagieren darf zum Wohle der Vereine? Die Klubs sähen das ja durchaus gerne. Und am Ende würden es die Fans dann auch gerne sehen, wenn ihr Klub erfolgreicher Fußball spielt.“

Er habe „Verständnis für Vorbehalte, wenn die Macht in einem Klub in neue Hände übergeht“, sagt Allofs. „Berechtigt sind diese dann, wenn man nicht zwingend damit rechnen kann, dass das für längere Zeit Bestand hat. In England hat man gesehen, dass durchaus die Gefahr besteht, dass Klubs in rascher Folge ge- und verkauft werden.“ Die Vorbehalte könne er jedoch nicht bei langfristigen Engagements wie beim VfL Wolfsburg oder bei Bayer Leverkusen nachvollziehen.

„Wir sind immer hin und her gerissen zwischen dem Bewahren von Tradition – ich rede gar nicht vom Alter der Klubs – und den Veränderungen, die es in unserer Gesellschaft gibt“, sagt Allofs. „Ich glaube, wir müssen uns schon Regeln geben – und die 50+1-Regel mit ihren Ausnahmen ist gar nicht mal das Schlechteste.“

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Eigentlich sollte die 50+1-Regel – auch hier geht es um Einflussnahme von Investoren, allerdings bezogen auf nur einen Klub – in einem Abwasch in Frankfurt reformiert werden. Mit neuen internen Leitlinien, die der Ligaverband entwickelt hat, will die DFL künftig rechtssicher definieren können, wann eine Übernahme der Mehrheitsanteile statthaft sein soll. Eine Öffnung der Ausnahmeregel, die Hannover-96-Präsident dem Ligaverband in einem Schiedsgerichtsverfahren abgerungen hat: Wer mindestens 20 Jahre erheblich gefördert hat, soll auch die Mehrheit übernehmen dürfen. Hier stehen spannende Diskussionen bevor.

Wie zu erfahren ist, plant die Liga, stets eine Einzelfallbetrachtung vornehmen zu wollen. Ob einem Martin Kind mit seinen regionalen Geschäftspartnern die spätestens 2018 geplante Übernahme von Hannover 96 tatsächlich gelingt, ob SAP-Mitgründer Dietmar Hopp in Hoffenheim zum Zuge kommt – all das soll den Plänen nach noch vom Ligavorstand abgenickt werden müssen.

Ob dieses angedachte Verfahren in Sachen 50+1 jedoch das Bestimmtheitsgebot erfüllen würde, daran hat Experte Martin Stopper Zweifel: „Augenschein wird nicht funktionieren, es ist kein justiziables Instrument. Wer soll die Prüfung glaubwürdig und objektiv vornehmen?“ Der Ligavorstand sei dazu nicht legitimiert.

Es gehe um eine wichtige Strukturfrage: „Kann ich eigenverantwortlich entscheiden, ob ich einen strategischen Investor oder einen Finanzinvestor aufnehme – oder muss das von einer bevollmächtigten Instanz entschieden werden?“ Stopper plädiert für die Eigenverantwortung der Klubs – verbunden mit Haltefristen für Großanteile. „Man könnte zum Beispiel für einen Anteil, der über zehn Prozent liegt, eine Haltefrist von etwa zehn Jahren einführen. Das hielte ich für vernünftig.“

Nur Exzessen müsse man Grenzen setzen, sagt Stopper. „Wenn ein Klub zum Beispiel kurzfristig Anteile mit einem halben Jahr Haltefrist an X verkauft – und sich so über die generierten Einnahmen die Lizenz sichert.“ Vor solchen Kamikaze-Aktionen müsse ihn die Liga schützen. Denn nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wäre ein Klub wohl nicht langfristig lizenzfähig, wenn er durch kurzfristige Anteilsveräußerungen die Kontrolle über sich und seine Handlungen verlöre.

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