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Irre Energiewende: Grüne Bürgermeister gehen voran

In der letzten Woche sprach der Energie- und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf dem Arbeitgebertag in Berlin deutliche Worte. Er schimpfte über die „irren Zustände“, die bei der Energiewende immer noch herrschten. Das Energiewendeprojekt müsse nun endlich systematisiert und europäisch gedacht werden. Es sei höchste Zeit, die Stromnetze auszubauen und die Differenzen über den Verlauf der Stromtrassen beizulegen.

In dieser verfahrenen Situation kann der Energieminister Unterstützung von unten gut gebrauchen. Schauen wir uns also an, wie kommunale Vorreiter die Energiewende in ihren Städten und Gemeinden vorantreiben. Ein Blick auf die „grün“ regierten Städte Tübingen, Freiburg und Stuttgart zeigt, dass sie allesamt guten Mutes sind. Fast gebetsmühlenartig betonen sie, dass es ohne die Bemühungen vor Ort, die Kommunen und Bürger nicht geht. Ob in Tübingen, Freiburg oder Stuttgart, sie alle wollen für die Energiewende kämpfen.

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The Wall Street Journal

So viel Enthusiasmus aus Baden-Württemberg kann dem Energieminister nur recht sein. Mit Boris Palmer wurde gerade wieder ein grüner Oberbürgermeister im Amt bestätigt. Und in der Tat, die Regierungsbilanz des alten und neuen Oberbürgermeisters von Tübingen macht deutlich, dass es ihm mit der Energiewende sehr ernst ist: Seinen Amtssitz stattete er mit neuer Haustechnik, neuen Fenstern und Energiesparlampen aus, ersetzte seinen Dienstwagen durch ein Fahrrad, schloss Baulücken in der Stadt, reduzierte den Autoverkehr und CO2-Ausstoß deutlich, treibt die Erzeugung ökologischen Stroms voran und sanierte ein Gymnasium – und zwar kostenneutral: Palmers schwäbisch-grüne Rechentüftelei sorgte dafür, dass allein die Einsparungen bei den Heizkosten die Sanierungskosten deckten.

Freiburg indes hat sich als Green City weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Bürger, Politik und Wirtschaft verfolgen hier gleichermaßen ehrgeizige wie umweltpolitische Ziele mit einem klaren Bekenntnis zum ökologischen Umbau der Stadt. Solartechnologien, Erneuerbare Energien, Nachhaltigkeit, Energieeffizienz sowie umweltfreundliches Planen und Bauen spielen in der Stadt im Breisgau eine große Rolle. Sie alle tragen zum Erfolg der Green City bei. Freiburg spielt beim Thema Energiewende ganz vorne mit und kann bei den Umwelt- und Solartechnologien mit vielen ökologischen, technischen und organisatorischen Lösungen überzeugen.

Auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt wird die Energiewende vorangetrieben. Geht es nach dem Willen des Oberbürgermeisters Fritz Kuhn, soll Stuttgart in zehn Jahren ohne Atom- und Kohlestrom auskommen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Kuhn eine Energiesparoffensive ins Leben gerufen, die die Bürger zum sparsamen und effizienteren Umgang mit Strom und Wärme bewegen soll. Zudem will er die erneuerbaren Energien schnell ausbauen. Er setzt vor allem auf Effizienzsteigerung durch neue Technik, die in Stuttgart selbst erforscht und angewandt wird. Dem Grünen schwebt zudem vor, dass neue Gebäude und Wohnviertel grundsätzlich mehr Energie produzieren als sie verbrauchen, alte Häuser saniert, Dächer mit Sonnenkollektoren bestückt, Speicherkapazitäten entwickelt und erweitert werden.

Tübingen, Freiburg und Stuttgart, alle drei Städte treiben die Energiewende mit großem Engagement voran. Sonnenkollektoren werden auf Dächer montiert, Wohnviertel verkehrsberuhigt gestaltet, die Stromnetze rekommunalisiert. Es ist offensichtlich: Die grün regierte Provinz geht mancherorts voran – eigentlich sollte das genug Vorbild und Motivation sein, um auf überregionaler Ebene die „irren Zustände“ bei der Energiewende zu beheben.

*Zum Autor: Lothar Lochmaier arbeitet als freier Journalist in Berlin. Er beschäftigt sich mit den Themen Energie, Banken und Informationstechnologie. Der Autor betreibt außerdem das Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie“.

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