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Saudi-Arabiens Ölpreis-Rabatt stellt Märkte auf den Kopf

Förderpumpe des US-Konzerns Whiting Petroleum im Abbaugebiet Bakken: Amerikanische Energieunternehmen fürchten nach der Preissenkung Saudi-Arabiens für Ölexporte in die USA um ihre Margen. ENLARGE
Förderpumpe des US-Konzerns Whiting Petroleum im Abbaugebiet Bakken: Amerikanische Energieunternehmen fürchten nach der Preissenkung Saudi-Arabiens für Ölexporte in die USA um ihre Margen. Associated Press

Die Ölpreise sind am Montag auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren gefallen, nachdem Saudi-Arabien überraschend den Preis für seine Erdölexporte in die USA gesenkt hat. Der mächtige Ölproduzent und weltgrößte Ölexporteur macht damit den Weg für weitere Preissenkungen frei. Das setzt amerikanische Energieproduzenten nun noch stärker unter Druck und schürt zugleich Sorgen über das weltweite Wachstumstempo.

Saudi-Arabiens Preispolitik ließ den US-Aktienindex Dow Jones Industrial Average abstürzen und im Minus schließen. Der Börsenkurs von Chevron CVX -2.43 % fiel um 2,6 Prozent, der von Exxon Mobil XOM -2.63 % um 1,5 Prozent. Anleger fürchten, dass die Gewinnspannen der beiden Ölkonzerne jetzt schrumpfen könnten.

US-Leichtöl der Sorte WTI verbilligte sich zum Settlement um 2,2 Prozent auf 78,78 Dollar je Barrel. Erstmals seit 2012 kostete diese Erdölsorte damit weniger als 80 Dollar. Der Preis liegt nun 27 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch vom Juni. Der Preis für Erdöl der europäischen Referenzsorte Brent fiel um 1,3 Prozent auf 84,78 Dollar.

Während Saudi-Arabien seine Ölexporte in die USA verbilligte, erhöhte es den Preis seiner Ölexporte in andere Regionen der Welt – etwa nach Asien, wo Saudi-Arabien zuletzt vier Monate hintereinander die Preise gesenkt hatte.

Marktbeobachter hatten eigentlich damit gerechnet, dass die Saudis entweder in jeder großen Region ihre Preise senken würden, um den Wettbewerb um Käufer anzuheizen, oder dass sie ihre Preise auf breiter Front erhöhen würden.

Asien hat sich in den vergangenen Monaten als besonders umkämpfter Markt für Exporteure erwiesen. Insofern wunderten sich Händler, dass Saudi-Arabien offensichtlich allein darauf aus ist, seinen Marktanteil in den USA zu halten. Einige Beobachter interpretierten den Vorstoß als gezielte Attacke auf die US-Schieferölproduktion und nicht als eine von Angebot und Nachfrage gelenkte Politik.

„Der Markt reagierte sehr negativ darauf, im Sinne von: „Da haben wir’s, es wird einen Preiskrieg in den USA geben“, sagte Anthony Lerner, ein leitender Rohstoffexperte beim Broker R.J. O’Brien & Associates.

Saudi-Arabiens Preispolitik schürt nun neue Sorgen über die Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Ölindustrie, die in den vergangenen Jahren rapide gewachsen ist. Dieses Wachstum, das sich vor allem aus dem Einsatz neuer Fördertechnologien speist, hat noch nie einem längeren Preisabschwung standhalten müssen.

Saudi-Arabien will Markanteile in den USA halten

Niedrigere Erdölpreise sind zwar generell förderlich für Verbraucher, deren Benzinkosten sinken. Aber in vielen amerikanischen Energiekonzernen könnten die Gewinnmargen laut Analysten schrumpfen. Das gelte insbesondere für kleinere Firmen oder solche mit hoher Schuldenlast.

Nach Auskunft eines Branchenvertreters, der sich mit dem Preisbeschluss Saudi-Arabiens auskennt, geht es dem Land nicht darum, die Schieferölproduktion der USA zu unterwandern – ein Motiv, das Analysten den Saudis in letzter Zeit immer wieder unterstellt haben. Der Branchenvertreter sagt vielmehr, die niedrigeren Preise sollten Raffinerien in den USA als Anreiz dienen, Öl aus Saudi-Arabien zu beziehen und so ihre Margen zu verbessern.

„Es geht darum, Marktanteile zu halten...für Saudi-Arabien wird die Strategie langsam komplex“, sagt ein anderer Branchenvertreter, der sich ebenfalls mit der Preispolitik auskennt.

Anleger reagierten am Montag allerdings noch aus einem weiteren Grund verängstigt auf den Vorstoß: Sinkende Ölpreise dürften es den politischen Entscheidungsträgern in den USA, in Japan und in Europa erschweren, die nach wie vor kraftlosen Inflationsraten zu steigern.

Niedrigere Ölpreise wirken deflationär

Seit der Finanzkrise sind die Inflationsraten durchweg unterhalb der Idealmarke der Zentralbanken geblieben. Vertreter der Europäischen Zentralbank und der Bank of Japan 8301 -2.78 % haben im Oktober bereits Pläne für eine noch lockerere Geldpolitik vorgestellt, mit der sie eine Deflation verhindern wollen. Als Deflation bezeichnet man einen schädlichen Teufelskreis aus anhaltend fallenden Preisen und gebremstem Konsum.

Die US-Zentralbank Federal Reserve hingegen hat gerade erst das Ende ihres langjährigen Konjunkturanreizprogramms angekündigt, dank dessen die Preise von Vermögenswerten nach allgemeiner Einschätzung gestiegen sind.

Schwächere Öl- und Rohstoffpreise wirkten deflationär, sagt Viren Chandrasoma, Geschäftsführer der Aktienhandelsabteilung bei der Credit Suisse Group.

Importe von saudi-arabischem Öl in die USA sind in diesem Jahr gesunken. Nach Angaben der US-Behörde Energy Information Administration machten sie im August dieses Jahres nur noch 4,6 Prozent des gesamten Erdölverbrauchs aus. Im August 2013 dagegen lag dieser Anteil noch bei 7 Prozent.

Schon 2011 habe der staatliche saudi-arabische Ölproduzent Saudi Arabia Oil Co. diese Strategie eingeschlagen, sagt ein Branchenvertreter, der sich damit auskennt. Der Konzern erhöhte seine Exportpreise in Asien und senkte sie in den USA. Damals nutzte das Königreich die Tatsache, dass Libyens Ölexporte in dem Jahr wegen eines Bürgerkriegs zum Erliegen kamen. In der Folge waren die Preise in Europa und Asien stärker gestiegen als in den USA.

Öl-Dienstleister könnten die Verlierer sein

US-Ölproduzenten bleiben momentan noch ruhig. Whiting Petroleum Corp. WLL -14.75 % , der zu den großen Förderern im Abbaugebiet Bakken in North Dakota gehört, plant nach eigenen Angaben keine Produktionskürzung. Die Aktie des Unternehmens fiel am Montag um 1,6 Prozent.

„Ob es ein Überangebot gibt oder politische Gefahren, wir haben das schon durchgemacht“, sagte Jack Ekstrom, der stellvertretende Leiter der Abteilung für Konzern- und Regierungsbeziehungen.

Die meisten Analysten schätzen, dass die US-Ölproduktion weiter zunehmen wird, solange die Preise nicht unter etwa 70 Dollar je Barrel fallen. Produzenten, denen Bohrlöcher in teuren Fördergegenden gehören oder die stark verschuldet sind, dürften nach Ansicht von Analysten als erste ihre Investitionen drosseln.

Dienstleister für die Ölindustrie könnten auch unter der Preissenkung der Saudis leiden, wenn Produzenten weniger für Ausrüstung und Dienstleistungen ausgeben sollten, um Kosten zu sparen. Die meisten US-Produzenten haben laut Analysten zumindest für einen Teil ihrer Produktion des Jahres 2015 schon lukrative Preise vereinbart und können dem aktuellen Preisniveau insofern standhalten.

Bereits im Oktober hat ein Preissturz am Ölmarkt die Finanzmärkte erschüttert und den Aktienindex Dow Jones teilweise um mehr als 5 Prozent einbrechen lassen. Am Montag fiel der Dow 24,28 Punkte oder 0,1 Prozent.

Natürlich gibt es auch einige Anleger, die sinkende Ölpreise insgesamt für etwas Gutes halten. „Wenn die Ölpreise fallen, hilft das der Wirtschaft“, sagt Rex Macey, ein Portfoliomanager bei Wilmington Trust Investment Advisors mit einem Anlagevermögen von rund 20 Milliarden Dollar.

Fragezeichen über Saudi-Arabiens Ölpolitik

In der Vergangenheit hat Saudi-Arabien seine Preise und Marktanteile nicht immer systematisch gesteuert. In den 1980er-Jahren bekam das Königreich Konkurrenz von Produzenten in den USA und britischen Nordsee-Ölförderern, die dank höherer Ölpreise frische Investitionen erlebten. Anfangs versuchte Saudi-Arabien damals, die fallenden Preise über Produktionskürzungen zu bremsen, wurde aber bald von rivalisierenden Produzenten aus dem Nahen Osten unterboten.

Aus dem Grund versuchte Saudi-Arabien damals, bessere Verkaufskonditionen zu bieten – was einer Preissenkung gleichkam. Aber auch diese Strategie schlug fehl, weil die amerikanischen und britischen Unternehmen in der Lage waren, ihre Kosten zu senken.

Heute scheint die Führungsriege in Saudi-Arabien uneins darüber zu sein, wie sie am besten auf den jüngsten Preisverfall reagieren soll. Sie muss auch an die Staatskasse denken, denn nach den Aufständen des Arabischen Frühlings musste Saudi-Arabien seine Ausgaben erhöhen. Einige Top-Entscheider des Königreichs glauben nach Angaben saudischer Regierungsvertreter und Beobachtern aus der Ölindustrie, dass das Land auf einen Ölpreis von rund 90 Dollar je Barrel angewiesen ist um einen ausgeglichenen Haushalt zu schaffen. Andere glauben, dass Saudi-Arabien den Ölpreissturz einfach akzeptieren und sich vielmehr darauf konzentrieren sollte, seinen Marktanteil – speziell in Asien – zu erhöhen.

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