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Deutschland muss auf die Bezahl-Revolution von Apple warten

Apple-Chef Tim Cook spricht auf einem Event in Cupertino über Apple Pay. Mit der Bezahllösung möchte das Unternehmen mal wieder einen Markt revolutionieren. ENLARGE
Apple-Chef Tim Cook spricht auf einem Event in Cupertino über Apple Pay. Mit der Bezahllösung möchte das Unternehmen mal wieder einen Markt revolutionieren. Reuters

Vor ein paar Tagen wollte ich mittags in der Kantine essen und freute mich auf einen leckeren Salat.

Es gibt zwei Möglichkeiten, in dieser Kantine zu bezahlen, entweder mit Bargeld oder mit einer Karte. Die muss man zuvor mit Geld an einem Automaten aufladen, der direkt neben der Kasse steht. Dort wird dann das Mittagsmenü automatisch abgebucht. Als Anreiz für das „bargeldlose“ Zahlen erhält man einen kleinen Rabatt. Und wenn es ums Sparen geht, dann sind wir Deutschen ja ganz weit vorne mit dabei.

Darum legte ich auch an diesem Tag meine Karte auf das Lesegerät, um Geld aufzuladen. 2,41 Euro als Guthaben wurden mir angezeigt, zu wenig für den Salat. Beim Blick ins Portemonnaie musste ich feststellen, dass ich den letzten 20-Euro-Schein offenbar am Tag zuvor ausgegeben hatte. Und ohne Bargeld kein neues Guthaben, und ohne Guthaben kein Essen. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Karte zu nehmen und zum nächsten Geldautomaten zu laufen. Mal wieder.

Es war dieser Moment, in dem ich mir gewünscht hätte, dass wir in Deutschland schon etwas weiter wären. Dass wir tatsächlich bargeldlos bezahlen könnten – nicht nur pseudobargeldlos mit Guthabenkarten. Dass wir auf Geldautomaten genauso verzichten könnten wie auf die zahlreichen Karten in unserem Portemonnaie. Dass wir ein bisschen mehr wie die USA wären.

Dort ist vor ein paar Tagen Apple Pay gestartet. Es ist ein neues System des iPhone-Herstellers Apple, das bargeldloses Zahlen mit dem Smartphone ermöglicht. Mehr als 220.000 Geschäfte und App-Anbieter machen mit, und auch Visa, Mastercard und American Express AXP -0.43 % sind an Bord. Laut eigenen Angaben hat Apple Vereinbarungen mit den sechs größten Karten-Anbietern der USA getroffen, die für rund 83 Prozent aller Kreditkartentransaktionen verantwortlich sind. 500 Finanzdienstleister sollen sich Apple Pay 2015 ebenfalls anschließen. Obwohl längst nicht alle mitmachen wollen, ist zumindest ein Anfang gemacht. Und damit sind uns die USA einen Schritt voraus.

Mit dem Smartphone im Geschäft für einen Einkauf zu bezahlen, ist natürlich längst nichts Neues mehr. Google GOOGL 0.10 % hat es mit seiner Wallet schon vor ein paar Jahren versucht. Die Funktionsweise ähnelt der von Apple Pay sehr. Beide Varianten sind auf einen so genannten NFC-Chip im Smartphone angewiesen, außerdem müssen Informationen zu Debit- oder Kreditkarten hinterlegt werden. Läuft alles reibungslos ab, dann braucht der Kunde im Geschäft nur kurz sein Telefon aus der Tasche holen und per PIN oder Fingerabdruck die Zahlung bestätigen. Das ist auch schon alles. Kein umständlicher Weg zur Bank mehr, keine Suche nach einem Geldautomaten. Warum also nicht auch in Deutschland?

Zunächst einmal hat Apple sich bislang nicht dazu geäußert, ob oder wann man das Angebot auch hierzulande anbieten will. Entsprechende Anfragen blieben unbeantwortet. Das Potenzial aber wäre da, sagt André M. Bajorat, Geschäftsführer von Figo, einem Anbieter von Banking-Apps. „Ich glaube, dass es für Deutschland gut wäre, wenn es Apple Pay auch hier gäbe.“ Er gibt jedoch zu bedenken, dass sich kontaktloses Zahlen bei uns bisher kaum durchgesetzt habe. Und das ist nur eine von mehreren Einstiegshürden für Apple.

Die Kreditkarte ist hierzulande längst nicht so verbreitet wie auf der anderen Seite des Atlantiks. In Deutschland wird immer noch hauptsächlich zu EC-Karte und Bargeld gegriffen. Darum ist der Kuchen viel kleiner, von dem Apple und Co. sich ein möglichst großes Stück versprechen. Man müsse darum zunächst die Frage beantworten, ob es sich für Apple überhaupt lohne, seinen Bezahldienst auch in Deutschland anzubieten, sagt Bajorat.

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„Wenn man Tim Cook glaubt, dann geht es ihm nicht in erster Linie darum, mit den Bezahltransaktionen Geld zu verdienen. Auch wenn sie das in den USA gerade tun. Laut Cook will man vor allem mehr Geräte verkaufen. Und wenn das das Ziel von Apple ist, dann kann ich mir vorstellen, dass sie auch in Deutschland eine Regelung mit den Banken finden. Wenn sie aber noch an jedem Bezahlvorgang mitverdienen wollen, dann dürfte es sehr schwer werden.“

Das ist der zweite springende Punkt. Händler in Deutschland zahlen nur ein Zehntel dessen, was in den USA bei jeder Transaktion fällig wird. Etwa 2,5 Prozent müssten die Geschäftsleute in den USA laut Bajorat für jeden bargeldlosen Bezahlvorgang aufwenden – in Deutschland seien es bei EC-Karten lediglich 0,2 oder 0,3 Prozent. Wenn die Lastschrift zum Einsatz kommt, was man immer daran merkt, dass statt Pin-Eingabe eine Unterschrift gefordert wird, bewegen sich die Beträge im Cent-Bereich, erklärt der Bankenspezialist.

In den USA versuchen darum immer mehr Einzelhändler, sich von den Kreditkarten zu verabschieden, für die sie hohe Gebühren zahlen müssen. Sie setzen verstärkt auf eigene Prepaid-Karten, wie sie in Deutschland unter anderem bei Starbucks SBUX -0.26 % und in Fußballstadien eingesetzt werden. „Was bei uns nicht funktioniert hat, machen die Amerikaner sehr erfolgreich“, sagt Bajorat. Dort laden viele Menschen ihre Karten vor dem Einkauf auf, um mit dem Guthaben später in den Geschäften zu bezahlen. Einige Händler versuchen darum, eine Alternative zu Apple Pay zu etablieren. Denn auch bei Apple Pay müssten sie Gebühren zahlen – diesmal an Apple.

Zahlreiche Teilnehmer stehen bereit

Sollte sich der US-Konzern entscheiden, seine Bezahllösung auch nach Deutschland zu bringen, dann stehen potenzielle Teilnehmer bereit. „Wir werden noch in diesem Jahr die Umstellung sämtlicher Terminals auf die grundsätzliche NFC-Fähigkeit abgeschlossen haben“, sagt Andreas Krämer, Pressesprecher der Rewe Group. Bevor eine Entscheidung für oder gegen Apple Pay getroffen werde, will die Firmengruppe jedoch zunächst die weitere Entwicklung abwarten und gegebenenfalls Praxistests durchführen. „Digitales Bezahlen wird sich auch in Deutschland etablieren“, ist Krämer überzeugt. „Wir sprechen hier aber nicht von einer Revolution, sondern von einer Evolution.“

Tatsächlich wäre Apple Pay längst nicht das erste NFC-Angebot in Deutschland. Dass sich bislang keine Lösung durchsetzen konnte, erklärt Bajorat mit dem Mehrwert, der bislang gefehlt hat: „Es wurde nicht konsequent zu Ende gedacht. Da ist Apple ein Schritt weiter. Sie haben die Karte virtualisiert. Das haben die deutschen Kreditkartengesellschaften nicht gemacht.“

Stattdessen betrachte man die Karte noch immer als Marketingmittel und als letztes Bindeglied zwischen Kunden und Bank. „Sie trauen sich nicht, den nächsten Schritt zu gehen. Sie haben Angst, dass sie dann noch austauschbarer werden, als sie es eh schon sind.“

Ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes erklärt, dass die Sparkassen als einzige Bankengruppe in Deutschland seit 4 Jahren Erfahrung mit der NFC-Technologie hätten. „Ende 2014 werden rund 40 Millionen NFC-fähige Chips in den Girokarten der Sparkassen verarbeitet sein. Das entspricht rund 85 Prozent unserer Kunden“, sagt der Verbandssprecher und fügte hinzu, dass man die Einführung der Technologie bei Händlern fördere. „Bereits jetzt haben wir 40.000 Händler in Deutschland, und von 15.000 weiteren haben wir die Zusage, dass sie die Technologie 2015 einführen werden.“

Apple-CEO Tim Cook im September bei der Vorstellung von Apple Pay. Über eine Millionen Kreditkarten wurden innerhalb der ersten drei Tage nach dem Start mit der Bezahlplattform verbunden. ENLARGE
Apple-CEO Tim Cook im September bei der Vorstellung von Apple Pay. Über eine Millionen Kreditkarten wurden innerhalb der ersten drei Tage nach dem Start mit der Bezahlplattform verbunden. Associated Press

Bajorat hält diese Aussagen jedoch für Augenwischerei. „Da reden wir von Giro Go, also der Geldkarte plus NFC. Die Sparkassen verweisen auf etwas, das schon tot ist. Da muss man vorher den komischen Chip aufladen, und kann dann kontaktlos bezahlen. Das macht doch keiner“, erklärt der Berater und fragt: „Die Geldkarte war vorher schon tot. Warum sollte sie durch NFC wiederbelebt werden?“ Er plädiert stattdessen dafür, dass sich die Banken zusammenschließen und gute Lösungen bauen. Das könne durchaus in Kombination mit innovativen Unternehmen geschehen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich unbedingt mit Apple ins Bett legen würde“, sagt der ehemalige Banker. „Aber dagegen vorgehen würde ich auch nicht.“ Die deutschen Banken würden häufig versuchen, neue Lösungen zu verhindern. Allerdings sollten sie sich nicht abkapseln, sondern lieber mit eigenen Produkten überzeugen – und das geschlossen als Verband.

Bajorat räumt jedoch ein, dass solch ein Vorgehen kaum realistisch sei. „Die Sparkassen glauben immer noch, dass die Volksbanken ihre Konkurrenten sind. Die Volksbanken sehen in den Sparkassen ihre Rivalen, die Commerzbank CRZBY -0.73 % in der Deutschen Bank. Sie haben noch nicht verstanden, dass sie sich zusammentun müssen, um sich gegen die digitalen Konkurrenten wehren zu können.“

Deutsche Bank DOD 0.00 % und Commerzbank wollen abwarten

Die Deutsche Bank und die Commerzbank verweisen auf Anfrage auf ein Statement des Bankenverbandes. Darin heißt es: „Die Entwicklungen in der digitalen Technik gehen rasant voran – die privaten Banken stellen sich darauf ein und entwickeln selbst Bezahlsysteme.“ Und weiter: „Wenn Apple Pay in Deutschland Fuß fassen will, muss es deshalb mit den Banken, die hier die Kreditkarten ausgeben, zusammenarbeiten. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass der Marktanteil von Apple in Deutschland deutlich kleiner ist als in den USA. Ob es sich auch in Deutschland durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.”

Aber selbst wenn es in Deutschland anteilig weniger iPhones gibt als in den USA, kann ich mir durchaus vorstellen, dass sich das System durchsetzen könnte. Das scheint man auch bei der Deutschen Bahn zu denken. Allerdings will das Unternehmen zunächst abwarten und anschließend entscheiden, ob es Apple Pay anbieten wird, sagt eine Sprecherin.

„Für uns ist wichtig, ob wir dadurch eine neue Kundengruppe gewinnen können, oder ob wir eine verlieren, wenn wir es nicht anbieten.“ Außerdem müsste man im Gegensatz zur Rewe-Gruppe auch die Geräte entsprechend aufrüsten. Bislang ist NFC bei der Bahn nämlich nur im Rahmen der elektronischen Ticketalternative Touch and Travel im Einsatz. Schaffner, Automaten und Kundenzentren akzeptieren hingegen nur Bargeld, Kredit- und EC-Karten.

Eine Kundin nutzt Mastercard und Apple Pay, um mit ihrem iPhone 6 in einer Walgreens-Filiale am Times Square in New York einzukaufen. ENLARGE
Eine Kundin nutzt Mastercard und Apple Pay, um mit ihrem iPhone 6 in einer Walgreens-Filiale am Times Square in New York einzukaufen. Associated Press

McDonald’s MCD -0.81 % bietet Apple Pay in den USA derweil seit dem Start an. Für Deutschland gibt es aber noch keine Pläne, teilt ein Firmensprecher mit. Zwar sei der Kassenstandard in den Restaurants weltweit gleich, und in rund 460 Restaurants setze die Fastfood-Kette hierzulande bereits NFC-Technologie einsetzen. Über die Einführung der neuen Bezahlform von Apple habe man allerdings bislang noch nicht nachgedacht.

Überhaupt gibt es bei der ganzen Sache noch ein Problem. Die Deutschen sind Weltmeister im Barzahlen. Wenn man den Zahlen glauben kann, dann ist der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland heute mit 67 Prozent der Transaktionen noch immer ein Bargeld-Markt. Das sind für Apple Pay natürlich keine guten Voraussetzungen.

Die Einzelhändler kann man kaum dafür verantwortlich machen, dass zwei Drittel der Bundesbürger auch heute noch lieber zu Münzen und Scheinen greifen, als mit der Karte zu bezahlen. Denn die technischen Voraussetzungen dafür sind längst da.

Bis sich irgendwann eine Lösung durchsetzt (und falls diese dann Apple Pay heißen sollte, wäre ich sicherlich nicht traurig), werde ich meinen Salat in der Kantine wohl weiterhin in Euro und Cent bezahlen. Aber so ein Gang zum Geldautomaten ist ja hin und wieder auch ganz gesund.

Kontakt zum Autor: joergen.camrath@wsj.com

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