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Peer-to-Peer-Kredite werden Alltag im Banking

Geht es nach dem aktuellen Bank Lending Survey der Europäischen Zentralbank (EZB), dann steigt zwar die Nachfrage nach Krediten wieder, aber trotz gesunkener Kreditanforderungen der Banken werden in Europa weniger Kredite vergeben. Gerade kleinere und mittlere Firmen, deren Bonität nicht erstklassig ist, haben weiter Probleme, Finanzierungen zu erhalten. Banken halten sich hier aus Risikogründen zurück, auch weil Kredite an Unternehmen mit schwächerer Bonität aufgrund der Regulierung weniger attraktiv für Banken sind.

Ob in diesem Umfeld die Peer-to-Peer-Kredite (P2P-Kredite) über Lending-Plattformen weiter ins Blühen kommen, ist derzeit noch offen. P2P-Kredite sind über Internetplattformen vermittelte Darlehen an Unternehmen und Privatpersonen, die durch eine größere Gruppe von privaten und institutionellen Geldgebern (aber gerade nicht durch Banken) vergeben werden. Das Grundprinzip hatte ich in dieser Kolumne erklärt. Eine Fundgrube für Informationen und Erfahrungsberichte ist außerdem das deutschsprachige Blog “Lending-School”.

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Leider gibt es dazu keine offiziellen Statistiken der EZB. Glaubt man aber den inoffiziellen Daten, wie sie zum Beispiel die Webseite P2P-Banking regelmäßig auswertet, dann sehen wir hier weiter ein starkes Wachstum insbesondere der großen Anbieter (siehe hier die Daten für September). Ich hatte im Frühjahr auf den Trend hingewiesen, dass die zunächst auf Privatpersonen ausgerichtete Finanzierung mittlerweile auf Unternehmen ausgedehnt wird. In den USA hat die führende Kreditbörse Lending Club gerade die 5 Milliarden Dollar-Grenze geknackt und die Nummer 2 Prosper die 2 Milliarden Dollar. Im Vergleich zu klassischen Bankenfinanzierungen bewegen sich die Volumina der P2P-Plattformen freilich weiter im Nanobereich.

Es spricht aber einiges dafür, dass die Vergabe über P2P-Kreditplattformen insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen in den nächsten Jahren deutlich ausgeweitet wird. Zwei Punkte, die ich im Lending Survey der EZB als Erläuterung für die Lücke zwischen höherer Kreditnachfrage und dennoch geringerem Kreditangebot vermisst habe, könnten dafür sprechen:

1. Die regulatorischen Kosten für Banken für Krediten an Unternehmen und Privatpersonen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Für sie muss in Abhängigkeit von den Risiken mehr Eigenkapital zurück gelegt werden. Daneben belasten diese Kredite die ebenfalls durch Basel III vorgegebenen Liquiditätskennziffern von Banken. Ein langlaufender Festzinskredit muss danach tendenziell mit gleicher Frist refinanziert werden und kann nicht als Liquiditätsreserve zur Verfügung stehen.

Diese Einschränkungen gelten freilich für Kredite aller Größenordnungen an Privatpersonen und Unternehmen. Für kleinere Kredite kommt aber ein zweites Thema dazu.

2. Die Transaktionsstückkosten pro vergebenen Kredit sind bei niedrigeren Darlehen signifikant höher. Viele Banken lassen kleinere Kredite (zwar oft mit weniger Checkpunkten) durch den gleichen, oft umständlichen Kreditvergabeprozess laufen, wie große Kredite. Daneben erhöhen z.B. verschiedenste Bewertungsanforderungen die Kosten. So wird ein Kredit heute längst nicht mehr nur zum Darlehenswert in den Büchern einer Bank geführt. Unterschiedliche Bewertungssystematiken, vorgegeben etwa durch die Rechnungslegung (HGB, IFRS, Steuerbilanz), die EZB sowie die bereits erwähnten Basel-III-Anforderungen, führen zu verschiedensten Korrekturen für den gleichen Kredit. Banken müssen in der Lage sein, die Überleitungen zwischen den verschiedenen Werten manchmal auch auf Einzelkreditebene zu erläutern. Trotz maschineller Unterstützung verteuert dies überproportional kleiner Kredite.

Die Lending-Plattformen haben hier einen großen Vorteil. Sie bewegen sich zwar nicht im regulierungsfreien Raum. Weil aber die Darlehen nicht durch Banken vergeben werden, sondern durch Investoren und Privatpersonen, entfallen viele Prüf- und Bewertungspflichten. Weil sie die Kredite nicht in den eigenen Büchern halten, können die P2P-Plattformen ihre Kreditvergabeprozesse deutlich schlanker gestalten.

Vor diesem Hintergrund kann es sogar für Banken selbst sinnvoll sein, Darlehen bis zu einer bestimmten Mindestgröße eher über eine Kreditplattform zu leiten. Die weltweit größte Kreditplattform Lending Club hat solche Kooperationen bereit bekannt gegeben.

Der die Börseneinführung vorbereitende Lending Club arbeitet interessanterweise sowohl auf der Kreditvergabeseite als auch auf der Finanzierungsseite mit kleineren Häusern zusammen. Diese finanzieren also einerseits die über Lending Club vergebenen Darlehen und ermöglichen auf der anderen Seite ihren eigenen Kunden den Zugang zu Finanzierungen über Lending Club. Kunden werden dadurch gehalten, aber die regulatorischen Lasten werden praktisch ausgelagert. In der Beratersprache müsste man von einer Tripple-Win-Situation sprechen, denn Banken, Kreditplattform und Kunden profitieren von einer solchen Konstellation.

Wann wird es sich in Deutschland durchsetzen?

Angesichts dieser Vorteile, fragt man sich nicht mehr ob, sondern wann sich solche Konstellationen in Deutschland durchsetzten. Aber so einfach, wie sich das liest, ist es nicht umgesetzt. Banken werden bei einer wie auch immer gearteten Kooperation bestimmte Mindestanforderungen an die Plattformen stellen. So gehört zu den Kernpunkten, wie zuverlässig man die Bonität der Kreditnehmer ermitteln und die Prozesse rechtssicher und reibungsfrei zwischen Banken und P2P-Plattform gestalten kann.

Gut möglich, dass die Änderungsgeschwindigkeit künftig vom Asset Management vorgegeben wird. Nach einem Bericht des Economist kommen zwei Drittel aller via Lending Club bereit gestellten Finanzmittel mittlerweile von institutionellen Investoren, die darin eine attraktive Anlageklasse sehen. Die erst im Juli gestartete US-Plattform CircleBackLending hat gerade 500 Mio US-Dollar von der Investment Bank Jefferies für neue Kredite eingesammelt. Die Financial Times berichtete in dieser Woche von Hedgefonds, die eigene Fonds auflegen, um sich in P2P-Kredite zu engagieren. Es ist unwahrscheinlich, dass Banken, die viel Geld mit der Verwaltung institutioneller Vermögen verdienen, lange zuschauen, wie Anlagegelder aus ihren etablierten Produkten abwandern.

Ich habe bei der Überschrift zunächst überlegt, ob ich sie mit einem Fragezeichen versehe, weil die gerade im Finanzbereich so geliebten Studien unabhängiger Institutionen diesen Trend noch nicht belegen. Aber insbesondere unter regulatorischen Kosten- und Zufriedenheits-Aspekten bietet P2P für kleine und mittlere Finanzierungen zahlreiche Vorteile. Ich glaube daher, dass wir solche Kooperationsmodelle auch bald in Deutschland sehen werden.

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

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