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Borussia Dortmund ohne Champions League - geht das finanziell?

BVB-Coach Jürgen Klopp: In der Champions League ganz oben, in der Bundesliga ganz unten. ENLARGE
BVB-Coach Jürgen Klopp: In der Champions League ganz oben, in der Bundesliga ganz unten. Reuters

Neidisch blickt die Konkurrenz nach Dortmund - zumindest die internationale. Vier Siege in vier Spielen, zwölf Punkte, 13:1 Tore, nahezu makellos ist die Bilanz der Borussia in der Champions League. Am Dienstag war Galatasaray Istanbul zu Gast im Ruhrgebiet und wurde mit 4:1 nach Hause geschickt. Der BVB sicherte sich so die vorzeitige Qualifikation für das Achtelfinale.

Genießen können die Dortmunder die Erfolge nicht. Denn im Kerngeschäft Bundesliga läuft nichts rund. Vor dem Spiel am Sonntag gegen den Tabellendritten Borussia Mönchengladbach brachte Trainer Jürgen Klopp den Wunsch nach Erfolgen mit Kraftsprache auf den Punkt: „Scheißmomente hatten wir in letzter Zeit genug.“ Mit nur sieben Punkten nach zehn Spieltagen belegte der Vizemeister den Abstiegsplatz 17. Mit dem 1:0 gegen die Gladbacher kletterte er immerhin auf Platz 15.

Seit dem 13. September hatte der BVB zuvor in der Liga nicht mehr gewonnen. Ein Unentschieden, sechs Niederlagen - so die verheerende Bilanz. Und auch nach dem Sieg ist klar: Der Meistertitel ist abgeschrieben. Nun fragen sich die Fans und Aktionäre, ob sie ihren Klub im nächsten Jahr wieder in der Champions League sehen werden. Ein Kraftakt scheint nötig, um am Ende der Saison einen der ersten vier Plätze zu belegen, die zur Teilnahme berechtigen.

Schwacher Start

Platzierung des BVB nach zehn Spieltagen in der Fußball-Bundesliga

Saison Platzierung Punkte
2014/15 17 7
2013/14 2 25
2012/13 5 16
2011/12 2 19
2010/11 1 25
2009/10 10 13
2008/09 7 17
2007/08 11 13
2006/07 8 14
2005/06 8 12

Das Ziel ist aus heutiger Perspektive in weiter Ferne. 61 Punkte hatte Bayer Leverkusen im vergangenen Jahr als Vierter. Bis zu diesem Wert fehlen Dortmund in dieser Spielzeit 51 Punkte. Bei 23 ausstehenden Spielen würde das im Schnitt mehr als 2,2 Punkte pro Begegnung bedeuten. Zum Vergleich: In der vergangenen Saison kam der BVB in guter Form auf knapp 2,1 Punkte. Nur überragende Bayern waren besser mit einem Schnitt von gut 2,6 Punkten.

Ein Jahr ohne Königsklasse wäre bitter für die erfolgsverwöhnten Fans: Keine Duelle mit den Großen des europäischen Fußballs mehr, obwohl man die ja augenscheinlich schlagen kann. Kein Real Madrid, kein Ronaldo - und Spott von den Bayern, denen man zuletzt so nahe gekommen war.

Was aber würde das Szenario für die Klubfinanzen bedeuten? Der europäische Fußballverband Uefa päppelt Champions-League-Klubs mit zweistelligen Millionenüberweisungen schon für die bloße Teilnahme. Eine Honigfalle: Wenn die Finanzspritzen ausbleiben, droht allzu euphorisch geführten Klubs ein Bumerang-Effekt - auch weil sich der gestiegene Spieleretat nicht so rasch wieder drücken lässt. Der einstige Top-Klub Werder Bremen musste diese Erfahrung machen. Bis zur Saison 2010/11 spielte Werder regelmäßig Königsklasse. Als die Qualifikation verpasst wurde, rutschte die Bilanz im Geschäftsjahr darauf ins Minus.

Werder Bremen als negatives Vobild für den BVB?

Droht Dortmund im kommenden Jahr ein ähnliches Schicksal - und müssen Anteilseigner des börsennotierten Klubs einen Kurseinbruch fürchten? Die Summen, um die es geht, sind gewaltig: 36,2 Millionen Euro erhielt der Klub in der vergangenen Spielzeit von der Uefa als Viertelfinalist der Champions League. Knapp 10 Millionen Euro durch zusätzliche Zuschauereinnahmen weist der BVB in seiner Bilanz 2013/14 aus. Hinzu kommen Erfolgsprämien von Sponsoren für die internationalen Auftritte, die der Verein nicht näher beziffert - auf Nachfrage mit Verweis auf Vertraulichkeit.

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Ein ähnlich gutes Abschneiden vorausgesetzt, stehen damit um die 50 Millionen Euro Einnahmen auf dem Spiel. Zwar stehen dem auch Zusatzausgaben entgegen - etwa für Marketing und Reisen. Marcus Silbe, Analyst der Close Brothers Seydler Research AG und Experte für die BVB-Aktie, schätzt diese auf etwa 5 Millionen Euro.

Damit spielt die Champions League unter dem Strich aber immer noch 45 Millionen Euro ein. Der Konzernumsatz der Dortmunder lag im vergangenen Geschäftsjahr bei 260,7 Millionen Euro, bei einem Ergebnis nach Steuern von zwölf Millionen Euro.

Müssen die Dortmunder also die Personalkosten über Spielerverkäufe senken, um ein mögliches Champions-League-Loch zu stopfen? Könnte der Klub am Ende gezwungen sein, den derzeit heiß umworbenen Star Marco Reus abzugeben?

Auf keinen Fall - so die Antwort der Klubführung. Der BVB habe „ausreichend Vorsorge getroffen“, falls zum Ende der Saison 2014/15 die Qualifikation für die Champions League verpasst werde, sagt Finanzgeschäftsführer Thomas Treß dem Wall Street Journal Deutschland. „Wir haben in den vergangenen Jahren nicht nur daran gearbeitet, die Finanzverbindlichkeiten des BVB sukzessive zu reduzieren und diese im Oktober 2014 sogar vollständig abgelöst, sondern haben auch dafür Sorge getragen, die Kostenstrukturen des BVB im hohen Maße variabel zu gestalten.“ Die Erlöse aus Sponsoringverträgen etwa seien durch eine entsprechende vertragliche Gestaltung weitgehend vom kurzfristigen sportlichen Erfolg abgekoppelt worden.

Selbst in schwierigen Zeiten sieht Treß Potenzial für höhere Einnahmen aus Werbepartnerschaften: „Vor dem Hintergrund unserer inzwischen weltweit hohen Sympathiewerte werden wir es - Prämien für den sportlichen Erfolg außen vor gelassen - auch künftig schaffen, die Sponsoringerlöse trotz eines möglichen kurzfristigen sportlichen Misserfolgs weiter zu steigern.“ Wegfallende Prämien von Sponsoren würden durch ebenfalls wegfallende Prämien für die Profi-Kicker „weitestgehend kompensiert“.

Finanzchef Thomas Treß erwartet, dass Borussia Dortmund Einnahmeausfälle aus der Champions League kompensieren kann. ENLARGE
Finanzchef Thomas Treß erwartet, dass Borussia Dortmund Einnahmeausfälle aus der Champions League kompensieren kann. BVB

Definitiv fehlen würden dem BVB allerdings die Überweisungen aus dem Uefa-Topf und die Zuschauereinnahmen. Das Verhältnis von den Personalkosten zu den Erlösen würde, bei sonst gleichen Bedingungen, dann von aktuell gut 40 auf rund 50 Prozent steigen - und damit deutlich über dem Schnitt von 39 Prozent, den die Deutsche Fußball Liga zuletzt für die 18 Erstligisten ermittelt hat.

Finanzchef Treß weist diese Hochrechnung zurück, da sie impliziere, dass die Personalkosten unabhängig oder weitgehend unabhängig vom sportlichen Erfolg wären. „Das ist jedoch nicht so. Bezogen auf den Lizenzspielerbereich sind rund 40 Prozent der Vergütungen variabel und direkt vom sportlichen Erfolg abhängig“, sagt er.

Starke Eigenkapitalbasis durch Kapitalerhöhung

Entsprechend sieht man in Dortmund auch keinen „Zwang zu kompensatorisch wirkenden Transfererlösen“ - sprich: Die Qualität des Kaders soll nicht leiden. „Wir in der Lage, ein absolut wettbewerbsfähiges Personalbudget für den Lizenzspielerbereich darzustellen, selbst wenn die Qualifikation für die Champions League am Ende dieser Saison verpasst werden würde“, verspricht Treß. „Wir würden in diesem Fall übrigens gleichwohl für 2015/16 keinen Verlust ausweisen“, schiebt er nach.

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Dass der Verein auch ohne die Champions-League-Millionen profitabel wäre, ist ein Beleg für die starke finanzielle Position, die sich der BVB nach der Beinahe-Pleite vor rund zehn Jahren unter der neuen Geschäftsführung mit Treß und dem Vorsitzenden der Geschäftsführung Hans-Joachim Watzke aufgebaut hat. „Die Eigenkapitalbasis ist sehr gut“, sagt Raphael Eichenlaub, Wissenschaftler am Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Universität des Saarlandes. Rund 145 Millionen Euro betrug das Eigenkapital im Konzern zuletzt. „Auch einen Verlust in niedriger zweistelliger Millionenhöhe könnte Dortmund verkraften“, rechnet Eichenlaub vor.

Über zwei Kapitalerhöhung wurden in diesem Jahr die Sponsoren Evonik, Signal Iduna und Puma auch als Anteilseigner gewonnen - mit einem Bruttoemissionserlös von 140 Millionen Euro. 40 Millionen Euro davon nutzte der Klub zum Abbau von Schulden. Der Rest soll auch zur „Erhöhung der finanziellen Widerstandsfähigkeit als Liquiditätsreserve vorgehalten werden“, teilte der BVB im August mit.

„Es gibt durch den Einstieg der Investoren weiteren finanziellen Spielraum“, bestätigt Analyst Marcus Silbe. Den Effekt einer verpassten Champions-League-Qualifikation jedoch könne Dortmund auch mit Geld nicht vollständig ausbügeln. „Ein Spieler mit dem Potenzial von Reus will regelmäßig Champions League spielen“, sagt Silbe. „Wenn Dortmund sich nicht qualifiziert, dann wird er mit ziemlicher Sicherheit den Verein verlassen. Englische Vereine würden dann gerne zuschlagen und die im Zusammenhang mit der Ausstiegsklausel formulierte Ablösesumme zahlen.“

Zwischen 25 und 35 Millionen Euro werden in Medienberichten als Kaufpreis gehandelt - „für einen Spieler dieser Klasse ist das nicht teuer“, sagt Silbe. Auch Ligarivale Bayern München zeigt sich an Reus interessiert. Mit Mario Götze und Robert Lewandowski hat der Rekordmeister schon zwei Spitzenkräfte aus Dortmund abgeworben.

Sollte Reus den Klub verlassen, könnte sich dies auch negativ auf den Börsenkurs auswirken, erwartet Silbe. Zwar liegt die Aktie derzeit deutlich unter dem Jahreshoch von 5,20 Euro. Doch trotz der bislang schwachen Ligabilanz behauptet sie sich bei etwa 4,25 Euro und liegt damit höher als vor einem Jahr.

Bis auf Weiteres hält der Seydler-Analyst an seiner Kaufempfehlung für die BVB-Aktie fest - ebenfalls am Kursziel von sechs Euro, das er ausgegeben hat. „Finanziell ist bei Dortmund noch nichts Negatives passiert“, sagt er. Der BVB-Experte erwartet, dass der Klub noch in der Hinrunde einen einstelligen Tabellenplatz erreicht - und die Champions League so in Reichweite bleibt.

„Solange nicht absehbar ist, dass Dortmund die Qualifikation verpasst, wird auch der Aktie nichts geschehen“, sagt Silbe. Falls dies jedoch eintritt, könnte sich das ändern. „Wenn Dortmund nicht international spielt, dann könnten auch die vier Euro gerissen werden. Wir könnten dann sogar die drei Euro sehen.“

Kontakt zum Autor: redaktion@wsj.de

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