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Flickr-Nutzer wehren sich gegen Foto-Verkauf durch Yahoo

Von Liz West hochgeladene Fotos auf Flickr. Die pensionierte Autorin ist eine der Künstlerinnen, deren Bilder Yahoo verkaufen will. ENLARGE
Von Liz West hochgeladene Fotos auf Flickr. Die pensionierte Autorin ist eine der Künstlerinnen, deren Bilder Yahoo verkaufen will. Liz West/Flickr

Etwa zweimal die Woche fragt jemand Liz West, ob er eines der fast 12.000 Fotos verwenden darf, die sie in den vergangenen zehn Jahren auf der Bilderplattform Flickr veröffentlicht hat. Normalerweise hat die Amateurfotografin nichts dagegen. Eine Frau aus England machte aus ihren Blumenbildern Grußkarten und schickte ihr 100 Stück als Dank. Der Ofen- und Kaminhersteller Vermont Castings baute eines ihrer Fotos auf der eigenen Webseite ein und schickte ihr einen kleinen Ofen als Geschenk.

Über eine Sache ist West jedoch gar nicht glücklich. Und das ist, was Yahoo YHOO -2.56 % neuerdings macht, der Eigentümer von Flickr. Das Unternehmen produziert jetzt große Leinwände mit Fotos von West und anderen Fotografen, die ihre Werke auf Flickr veröffentlicht haben, und verkauft sie für 49 US-Dollar das Stück, umgerechnet knapp 40 Euro. Den Gewinn behält der Konzern komplett für sich. „Es hat mich schon sehr geärgert, dass jemand anderes meine Bilder verkauft, die ich kostenlos weggebe“, sagt West, eine pensionierte Autorin aus Boxborough, Massachusetts, die auf Flickr unter dem Namen „Muffet“ unterwegs ist.

West gehört zu den Millionen von Menschen, die unter den „Creative Commons“ Bilder einstellen. Dahinter verbirgt sich eine Online-Vorratskammer von Bildern und Texten, die mit Erlaubnis der Urheber geteilt und weiterverwendet werden dürfen. Kostenlos – unter ein paar Voraussetzungen. So können die Künstler zum Beispiel angeben, ob ihre Werke für kommerzielle Zwecke verwendet werden dürfen oder nicht. Und sie können angeben, dass sie in angemessener Weise genannt werden, wenn ein Text oder ein Foto von ihnen anderweitig zum Einsatz kommt.

Mehr als 300 Millionen öffentlich geteilte Flickr-Bilder setzen auf Creative-Commons-Lizenzen. Damit ist die Plattform der größte Inhalte-Partner. Vergangene Woche kündigte Yahoo nun an, Abdrucke von 50 Millionen Bildern verkaufen zu wollen, die auf diese Art und Weise lizenziert sind. Darüber hinaus soll eine ungenannte Nummer von handverlesenen Flickr-Bildern in die Auswahl einfließen. Von diesen Fotos will das Unternehmen 51 Prozent der Erlöse an die Urheber weitergeben. Bei den Creative-Commons-Bildern bleiben jedoch alle Erträge bei Yahoo.

Der Internet-Konzern hat mitgeteilt, dass er sich an die Creative Commons hält und nur Fotos verkauft, bei denen einer kommerziellen Nutzung zugestimmt wurde. Diese Lizenzen „wurden genau für diesen Anwendungsfall entwickelt“, schreibt Bernardo Hernandez, Vice President von Flickr, in einer E-Mail. Mit jedem Leinwanddruck wird auch ein kleiner Aufkleber verschickt, auf dem der Name des Künstlers steht.

Ein Sprecher von Creative Commons, einer nichtkommerziellen Gruppe, die 2001 gegründet wurde, bestätigte, dass Yahoo nicht gegen die Lizenzen verstößt. Rechtlich „sieht es nicht so aus, als würde Flickr etwas falsch machen“, sagt Corynne McSherry, bei der Electronic Frontier Foundation für geistiges Eigentum verantwortlich. Einige Fotografen, die ihre Bilder auf Flickr zur Verfügung gestellt haben, sind trotzdem enttäuscht. Neben West haben auch andere Künstler ihren Unmut über den jüngsten Schritt geäußert, mit dem Yahoo erneut versucht, Geld mit Flickr-Werken auf Kosten der Fotografen-Gemeinschaft zu verdienen.

Fotografin Liz West ENLARGE
Fotografin Liz West Liz West

Yahoos Plan, die Bilder zu verkaufen, ist „ein wenig kurzsichtig“, sagt Flickr-Mitgründer Stewart Butterfield, der das Unternehmen 2008 verlassen hat. „Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Erlöse aus dem Verkauf den Vertrauensverlust aufwiegen, der dadurch entsteht.“

Das Wall Street Journal hat 14 Fotografen angeschrieben, die Bilder unter der Creative-Commons-Lizenz auf Flickr anbieten. Acht von ihnen haben gesagt, dass sie nichts gegen den Schritt von Yahoo haben und glücklich darüber seien, dass ihre Arbeit noch auf andere Art und Weise gewürdigt wird. „Jeder Amateurfotograf würde sich darüber freuen, wenn seine Werke an Wänden überall auf der Welt hängen“, schrieb Andreas Overland, ein Flickr-Nutzer aus Oslo in einer E-Mail. Sechs Personen sprachen sich gegen die Verkaufspläne aus.

„Als ich die Creative Commons akzeptiert habe, bin ich davon ausgegangen, dass meine Bilder in Artikeln und anders verwendet werden können, um sie der Öffentlichkeit zu zeigen“, schrieb Nelson Lourenço, ein Fotograf aus Lissabon, in einer E-Mail. Dass Yahoo „meine Arbeit verkauft und alles Geld behält, war eine Überraschung“, erklärte er.

500px ist ein Flickr-Wettbewerber. Die Plattform hilft Fotografen dabei, digitale Kopien ihrer Werke zu verkaufen und bis zu 70 Prozent der Erlöse zu behalten. Lediglich etwa 100.000 der rund 50 Millionen Bilder auf der Seite laufen unter Creative-Commons-Lizenz. Diese werden von 500px nicht verkauft. Jewgeni Tschebotarew, ein Mitgründer der Seite, erklärte, dass Yahoos Entscheidung, die Bilder zu verkaufen, die Interessen der Nutzer verletze. Auch wenn es rechtlich in Ordnung sei, „ist es aus unserer Sicht moralisch verwerflich“, sagte Tschebotarew.

Auf Deviant Art gibt es mehr als 50 Millionen Bilder unter Creative-Commons-Lizenz. Die Künstler bekommen einen Teil der Erlöse durch den Verkauf von Postern ab. Firmenchef Angelo Sotira sagte, dass Yahoos Schritt „einen Mangel an Respekt“ zeige und der Idee einer öffentlichen Verbreitung im Internet einen Bärendienst erweise.

Der Großteil der Bilder auf Facebook FB -0.88 % und Instagram fällt nicht unter die Creative Commons. Instagram-Eigentümer Facebook hat bislang auch keine Bemühungen unternommen, die Bilder auf der weltweit größten Foto-Sharing-Plattform zu verkaufen.

Als Antwort auf die Entscheidung von Yahoo, einige der Bilder zu verkaufen, haben West und zwei andere Flickr-Fotografen ihre Creative-Commons-Lizenzen von einigen oder allen ihren Online-Bildern entfernt, damit das Unternehmen sie nicht verkaufen kann. Eine andere Lösung gibt es nicht, erklärte eine Yahoo-Sprecherin.

Yahoo hatte Flickr 2004 für fast 25 Millionen Dollar übernommen. Seit damals gab es immer wieder große Veränderungen an der Plattform, die von den Nutzern zum Teil lautstark kritisiert wurden. Fünf Yahoo-Chefs kamen und gingen in sieben Jahren. Als Marissa Mayer 2012 das Ruder übernahm, stellte ein anonymer Nutzer eine Webseite mit der URL dearmarissamayer.com online und forderte von ihr „Flickr wieder großartig zu machen“.

Die Versuche von Mayer, Flickr wiederzubeleben, haben jedoch einige langjährige Mitglieder verärgert. Als sie 2013 allen Nutzern ein Terabyte an freiem Datenspeicher anbot, wurde der Flickr-Pro-Account für 25 Dollar im Jahr für unbegrenzten Speicherplatz abgeschafft. Dieser erfreute sich jedoch unter eingefleischten Mitgliedern großer Beliebtheit.

In diesem Jahr begann das Unternehmen dann, Werbung in Fotogalerien anzuzeigen – zumindest bei Besuchern, die nicht eingeloggt waren. Devon Adams, ein Hochschullehrer für Fotografie aus Gilbert, Arizona, nannte die Anzeigen einen „misstönenden“ Eingriff in die Seite. Adams ist einer der Nutzer, die sauer auf Yahoo sind, weil es ihre unter Creative Commons lizenzierten Bilder verkaufen will.

Allerdings hat Adams bereits 58.000 Fotos auf Flickr hochgeladen. Darum ist er gewissermaßen gefangen. „Ich habe so viel in Flickr investiert, ich kann nicht einfach woanders hingehen“, sagt er.

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