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Chinas Wirtschaftswunder ist vorbei

Nach vier Jahren in China blickt WSJ-Reporter Bob Davis pessimistisch auf die wirtschaftliche Zukunft des Landes. ENLARGE
Nach vier Jahren in China blickt WSJ-Reporter Bob Davis pessimistisch auf die wirtschaftliche Zukunft des Landes. Imaginechina/Corbis

Bei einer Reise nach China im Jahr 2009 kletterte ich in der Industriestadt Changzhou nahe Schanghai auf eine 13-stöckige Pagode und blickt mich um. Überall ragten Baukräne vor dem diesig-gelben Horizont. Mein Sohn Daniel, der an einer chinesischen Universität Englisch unterrichtet, sagte zu mir: „Gelb ist die Farbe der Entwicklung.“

Während meiner Zeit in Peking als Wirtschaftsreporter für das Wall Street Journal wurde China zum größten Händler der Welt, vor den USA, und zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, vor Japan. Ökonomen sagen, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Bruttoinlandsprodukt des Landes zum größten weltweit wird.

In diesen knapp vier Jahren ernannte die Kommunistische Partei auch einen mächtigen neuen Generalsekretär, Xi Jinping. Dieser ernannte sich selbst zum Reformer, legte einen 60-Punkte-Plan zum Umbau der Wirtschaft vor und leitete eine Kampagne zur Reinigung der Partei von Korruption ein. Diese Säuberungsaktion werde, so sagten es mir seine Anhänger, die Bürokraten, Lokalpolitiker und Manager der staatlichen Konzernriesen so einschüchtern, dass sie bei seinen Reformen mitziehen.

Warum also, zum Ende meiner fast vierjährigen Station in China, bin ich ob der wirtschaftlichen Zukunft des Landes pessimistisch? Als ich ankam, wuchs das BIP noch um fast 10 Prozent im Jahr, wie in den knapp 30 Jahren zuvor. Das ist eine einzigartige Leistung in der modernen Wirtschaftsgeschichte. Aber jetzt verlangsamt sich das Wachstum in Richtung 7 Prozent. Westliche Geschäftsleute und internationale Ökonomen in China warnen davor, dass die offiziellen BIP-Statistiken nur bei der Richtung exakt sind. Und diese zeigt eindeutig nach unten. Die großen Fragen sind, wie tief und wie schnell es geht.

Meine eigenen Erfahrungen deuten darauf hin, dass wir das Ende des chinesischen Wirtschaftswunders erleben. Wir sehen, wie sehr der Erfolg Chinas von einer schuldenfinanzierten Immobilienblase und mit Korruption durchsetzten Staatsausgaben abhängig war. Der Baukran ist nicht unbedingt ein Zeichen wirtschaftlicher Vitalität; er kann auch ein Symbol für eine Wirtschaft sein, die Amok läuft.

Wachstum wurde von Immobilien angeheizt

Die meisten chinesischen Städte, die ich besucht habe, sind von enormen, leerstehenden Wohnanlagen umgeben, die bei Nacht nur wegen der blinkenden Lichter auf dem Dach sichtbar sind. Besonders wurde mir das bei meinen Reisen in die Städte der sogenannten dritten und vierten Reihe bewusst. Das sind rund 200 Städte, die zwischen 500.000 und mehreren Millionen Einwohner haben, in die Besucher aus dem Westen nur selten gelangen, die aber 70 Prozent der Verkäufe von Wohnimmobilien ausmachen.

Von meinem Hotelzimmer in der Stadt Yingkou im Nordosten beispielsweise konnte ich kilometerlange Reihen von Wohnblöcken sehen. Aber nur eine Handvoll Autos fuhr vorbei. Es sah aus wie nach einem Atomschlag – die Gebäude standen, aber die Menschen fehlten.

In der Stahlstadt Handan, knapp 500 Kilometer südlich von Peking, ist die Lage so schlimm, dass im vergangenen Sommer ein Investor mittleren Alters in dramatischer Weise drohte, sich das Leben zu nehmen, weil ein örtlicher Entwickler in Zahlungsverzug zu geraten drohte. Nachdem sie von ähnlichen Fällen gehört hatten, erinnerten die städtischen Behörden die Anwohner daran, dass es verboten sei, von Häuserdächern zu springen. Vertreter der Stadt antworteten nicht auf Kommentaranfragen.

Seit 20 Jahren ist die Immobilienbranche eine wichtige Triebkraft des chinesischen Wirtschaftswachstums. Ende der 1990er Jahre gestand die Partei der Landbevölkerung endlich Immobilienbesitz zu, und die Wirtschaft explodierte. Die Menschen steckten ihre gesamten Ersparnisse in Immobilien. Davon abhängige Branchen wie Stahl, Glas und Heimelektronik wuchsen, bis der Sektor ein Viertel des BIP ausmachte, oder vielleicht noch mehr.

Der Boom wurde mit Schulden finanziert, auch durch Kreditnehmer der Behörden, Entwickler und Unternehmen jeder Art. Der Internationale Währungsfonds wies im Sommer darauf hin, dass in den vergangenen 50 Jahren nur vier Länder einen so schnellen Aufbau der Verschuldung erlebt haben wie China in fünf Jahren. Alle vier – Brasilien, Irland, Spanien und Schweden – erlebten innerhalb von drei Jahren nach dem kreditfinanzierten Turbo-Wachstum eine Bankenkrise.

Lieber für den Staat arbeiten

China nahm sich ein Beispiel an Japan und Südkorea, wie man sich durch Exporte aus der Armut befreit. Aber die enorme Größe des Landes ist nun selbst zum Hindernis geworden. Wenn man schon größter Exporteur der Welt ist – wie viel Wachstum kann es dann im Handel mit den USA und besonders Europa noch geben? Die Wirtschaft in Richtung Innovation umbauen? Das ist das Mantra jeder entwickelten Volkswirtschaft, aber Chinas Rivalen haben einen großen Vorteil: Ihre Gesellschaften fördern freies Denken und Eigensinn.

Wenn ich mit chinesischen Studenten gesprochen habe, habe ich sie nach ihren Plänen gefragt. Warum, wollte ich wissen, entscheiden sich in einer Wirtschaft mit scheinbar unbegrenztem Potenzial so wenige Menschen dafür, Unternehmer zu werden. Laut Forschern in den USA und China schließen sich frisch gebackene Ingenieure der Universität Stanford sieben Mal häufiger einem Start-up an als die der besten chinesischen Universitäten.

Ein Interview mit einem angehenden Umweltingenieur an der Tsinghua Universität blieb mir im Gedächtnis. Seine Eltern waren zu Reichtum gekommen, indem sie Firmen aufbauten, die Schuhe und Wasserpumpen herstellen. Aber er wollte die Unternehmen nicht übernehmen – und seine Eltern wollten das auch gar nicht. Es sei besser, für den Staat zu arbeiten, hätten sie ihm gesagt. Die Arbeit sei sicherer, und vielleicht werde er in einer Position in der Regierung landen, die den Familienunternehmen hilfreich sein könne.

Wird Xis Kampagne die chinesische Verlangsamung umkehren oder zumindest eingrenzen? Vielleicht. Er folgt dem Standardrezept der chinesischen Reformer: Das Finanzsystem so umbauen, dass es zu mehr Risikobereitschaft ermutigt; Monopole aufbrechen, um dem Privatsektor mehr Raum zu verschaffen; stärker auf den Binnenkonsum zu setzen.

Abrissbilder für das Fernsehen

Aber selbst die mächtigsten chinesischen Führer haben Probleme, ihren Willen durchzusetzen. In diesem Jahr habe ich über den Plan der Regierung berichtet, ein eigentlich simples Problem zu beheben: Der Abbau von Überkapazitäten in der Stahlbranche in Hebei, der Provinz, die Peking umgibt. Allein dort wird doppelt so viel Rohstahl produziert wie in den USA. Doch China braucht gar nicht so viel Stahl, ganz zu schweigen von den Abgasen, die den Himmel über Peking verdunkeln. Xi warnte die örtlichen Behörden, dass sie nicht mehr länger nur nach der BIP-Steigerung beurteilt werden, sondern auch nach Umweltzielen.

Ende 2013 rief Hebei die „Operation Sonntag“ aus. Die Behörden entsandten Abrissteams, um Hochöfen zu sprengen. Die einstürzenden Stahlwerke sahen in den Fernsehnachrichten um 19 Uhr toll aus. Aber wie sich herausstellte, waren die abgerissenen Werke schon lange stillgelegt – sie zu sprengen beeinträchtigte die Produktion also gar nicht. Im Gegenteil, Chinas Stahlbranche dürfte in diesem Jahr einen neuen Rekordausstoß melden.

In China, das habe ich gelernt, ist Gelb nicht nur die Farbe der Entwicklung. Es ist auch die Farbe der untergehenden Sonne.

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