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Das Ende vom Anfang des digitalen Wandels in der Finanzwelt

Der antike Philosoph Platon hatte einst die Schrift verdammt, weil sie die Gedächtniskunst austrocknen könne. Eine ähnliche Abneigung gegen Veränderungen konnte, wer wollte, bei manchem Banker noch vor drei Jahren erkennen, wenn man sie auf die neuen digitalen Geschäftsmöglichkeiten des Internets ansprach. Da wurden allenfalls Risiken gesehen, selten aber Chancen, um die notwendige Runderneuerung des Finanzsystems auf ein neues technisches und kulturelles Fundament zu stellen.

Im Fokus dieser 14-tägig erschienenen Kolumne stand seit Juli 2012 der (digitale) Wandel in der Finanzwelt. Meine erste Kolumne endete mit den Sätzen: “In nahezu allen Geschäftsfeldern, in denen die Banken aktiv sind, haben kreative Köpfe damit begonnen, ihre Ideen auszusähen. Heute wissen wir nicht, welche Saat davon aufblühen wird. Aber diese Kolumne wird das Wachstum begleiten und darüber berichten, welche Ideen sich durchsetzen.”

Zweieinhalb Jahre später ist das Bild deutlicher. Die Leser konnten in dieser Kolumne viele Ideen von Start-ups und etablierten Unternehmen kennenlernen. Die Branche selbst spricht mittlerweile von “financial technology” oder Fintech-Unternehmen. Diese zeichnen sich nicht nur durch die virtuose Nutzung digitaler Instrumente aus, sondern auch durch eine neue Offenheit im Umgang mit Leistung und Gegenleistung.

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The Wall Street Journal

Unter den Fintech-Unternehmen sehen wir viele Ansätze, die so nur in der digitalen Welt entstehen können. Ein Beispiel dafür sind Finanzierungsplattformen, die Anleger und Finanzierung suchende Personen und Unternehmen zusammenbringen. Die direkte Finanzierung durch die “Crowd” (also durch eine Gruppe von Personen oder Unternehmen) unter Ausschaltung der Banken sehen wir mittlerweile in unterschiedlichsten Spielarten. Am weitesten fortgeschritten sind hier das “Crowdfunding” und die sogenannten Peer-to-Peer-Kredite.

Der Vertreter einer klassischen Bank nannte diese neuen Formen der Finanzierung auf einer Veranstaltung vergangene Woche in Bielefeld eine Randerscheinung. Er hat vermutlich nichts von Lending Club gehört. Das Unternehmen aus San Francisco gehörte zu den Stammgästen dieser Kolumne (zuletzt hier). Mit seinem Gang an die New York Stock Exchange ist das Unternehmen in die erste Börsenliga aufgestiegen und hat damit einen entscheidenden Wendepunkt für Fintechs markiert, übrigens auch was die Bewertung des Unternehmens betrifft (siehe dazu WSJ: US-Kreditplattform Lending Club stellt Mastercard und Visa in den Schatten).

Im Board von Lending Club sitzt John Mack, früher CEO von Morgan Stanley. Er antwortete einst auf die Frage, warum Banken Unternehmen wie Lending Club dulden würden, wo sie doch in ihrem Revier wilderten, Lending Club sei nicht groß genug, um deren Aufmerksamkeit zu erregen. Das hat sich mittlerweile geändert, zumal Unternehmen wie Lending Club nicht nur im Geschäft für private und kommerzielle Finanzierungen mitmischen, sondern auch professionelle Anleger anziehen.

Ähnlich dürfte es Banken in China ergangen sein, als 2013 Alibaba mit Yu’e Bao einen Geldmarktfonds startete (siehe dazu Alibabas aggressive Finanz-Ameise). Im Land des Lächelns könnte manchem Banker das Grinsen eingefroren sein, als sie lasen, dieser Fonds hat innerhalb eines Jahres etwa 100 Millionen Anleger erreicht, die mehr als 90 Milliarden Dollar über diese Plattform investieren. Und vergangene Woche erst erhielt die gerade gegründete Bank des Technologiekonzern Tencent ihre Zulassung für China. Die Shenzhen Qianhai Weizhong Bank ist mit 480 Millionen US-Dollar Kapital ausgestattet und will Kredite an Personen und kleine sowie mittelständische Unternehmen vergeben.

Kelly King, CEO der US-Bank BB&T BBT 0.19 % Corp warnte kürzlich vor den neuen Risiken der Nichtbanken im Finanzmarkt. Die FAZ zitierte Theodor Weimer, Chef der Münchner Hypo Vereinsbank: “Die digitale Revolution ist kein Trend mehr, sondern eine fundamentale Umwälzung. Wie wir im 19. Jahrhundert eine Veränderung durch die industrielle Revolution hatten, haben wir jetzt eine Veränderung durch die Digitalisierung.“

Die Ignoranz der neuen Entwicklung ist mittlerweile einem vorsichtigen Herantasten gewichen. Die Commerzbank CRZBY 2.18 % hat den Main Inkubator gegründet, der sich an Fintechs beteiligen will. Cortal Consors hat sich Anfang Dezember in Consorsbank umgewandelt und passt seine Dienstleistungen an die digitale Welt an. So hat die Direktbank-Tochter der französischen BNP Paribas eine Anbindung an eine Crowdfunding-Plattform realisiert.

Die Deutsche Bank DB 3.63 % glaubt mit einem Vorstand für Digitales der neuen Entwicklung Herr zu werden. Der CIO der UBS, Oliver Bussmann soll laut BTC-Germany eine Arbeitsgruppe gegründet haben, die sich innovativen Technologieprojekten widmet. Oberste Priorität habe dabei die Blockchain-Technologie, die das größte Potenzial zur Veränderung des Finanzdienstleistungssektors habe. Und ich unterstreiche die Aussage, dass diese Technologie das Potenzial hat, zu einer “massiven” Vereinfachung der Bankprozesse und Kostenstrukturen”.

Neben diesem Herantasten existieren viele direkte Verbindungen und Kooperationen zwischen Banken und neuen Dienstleistern. André M. Bajorat zählt in seiner Übersicht “Banken und Fin-Tech Kooperationen in GER” derzeit 25 Institute auf, die in verschiedenen Formen den Zusammenschluss proben. In dieser Woche konnten wir lesen, dass der Sparkassenverlag den auf E-Commerce spezialisierten Zahlungsdienstleister Payone übernimmt.

Diese und viele weitere Entwicklungen sind klare Signale, dass das Ende vom Anfang des digitalen Wandels längst eingeläutet ist. Wir sehen außerdem viele Hinweise auf Jeremy Rifkins These, dass sich die Marktwirtschaft im Banking schrittweise hin zu kollaborativen Commons entwickelt.

Banken kommentieren den digitalen Wandel nicht mehr nur skeptisch vom Spielfeldrand, sondern beginnen, ihre neue Position auf dem Platz zu suchen. Die etablierte Kreditwirtschaft hat trotz ihres digitalen Nachholbedarfs weiter einen enormen Vorsprung gemessen bei Erträgen und Geschäftsanteilen. Noch scheint so, als wüssten sie diesen Vorsprung nicht auszuspielen. Viele Banken sind weiter auf ihre analogen Produkte fixiert und sehen die neue Technologien lediglich als Absatzkanäle, wie der britische Bankenexperte und Buchautor (“Digital Bank”) Chris Skinner kürzlich zurecht kritisierte.

Dennoch, ob “disruptive Technik” Banken töten wird, wie sich das einige Apologeten der digitalen Szene wünschen, bezweifele ich. Denn trotz vieler pfiffiger Ideen der neuen Wettbewerber interessiert sich bisher die Masse der Kunden für die neuen Finanztechnologien ungefähr so intensiv wie Hausbesitzer sich für per App gesteuerte Türschlösser interessieren, nämlich gar nicht. Die meisten Newcomer suchen noch nach Wegen, die digitale Kluft zu überwinden. Die neuen Geschäftsmodelle lohnen sich finanziell nicht, wenn nur die “Early Adopter” und “Digitale Natives” zu den gelegentlichen Nutzern gehören.

Trotz des verhaltenen Interesses steht heute fest, dass der digitale Wandel der Bankgeschäftsmodelle längst begonnen hat. Wer sich einen umfassenden Überblick verschaffen will, dem empfehle ich den von Professor Dr. Andreas Mitschele von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart, herausgegebenen Sammelband „Next Generation Finance – Revolution oder Evolution des Bankgeschäfts“. Die Arbeit ist eine Riesenfundgrube für alle, die sich für den digitalen Wandel in der Finanzwelt interessieren.

Welche Newcomer sich in den nächsten Jahren durchsetzen werden und welche Banken mithalten können, werden Sie leider nicht mehr im Wall Street Journal Deutschland lesen, denn die deutsche Ausgabe wird eingestellt. Das ist sehr schade, denn hinter der deutschen Webseite stand ein engagiertes und wissbegieriges Team. Ich mochte die Besuche und Gespräche in den Frankfurter Redaktionsräumen, die mich stets ein wenig an Handelsräume in Banken erinnerten. Das Wall Street Journal wird weiter in der englischsprachigen Ausgabe auch online zu lesen zu sein. Diejenigen, die diese Kolumne vermissen, werden sie ab dem 8. Januar im gewohnt 14-tätigen Rhytmus auf der Webseite des Monatsmagazins Capital lesen können.

Liebe Leser, vielen Dank, dass Sie dieser Kolumne die Treue gehalten haben. Ihnen und ihren Angehörigen und Freunden wünsche ich angenehme Feiertage und einen guten Start in das neue Jahr.

Alles Gute, Ihr Dirk Elsner.

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