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„Korrekt, präzise und absolut nutzlos“ – das Elend der Ökonomen

Es ist Zeit für einen neuen Adam Smith, der den Irrweg der mathematischen Gleichungen und abstrakten Modellen in der Ökonomie überwindet. ENLARGE
Es ist Zeit für einen neuen Adam Smith, der den Irrweg der mathematischen Gleichungen und abstrakten Modellen in der Ökonomie überwindet. Getty Images

Wie kam die Ungleichheit zwischen den Menschen in die Welt? Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau meinte: „Irgendwann kam der erste Mensch auf den Gedanken, ein Stück Land mit einem Zaun zu umgeben und zu behaupten, das gehöre jetzt ihm. Das Erstaunliche daran ist nicht, dass es einen Menschen gab, der diesen Gedanken hatte, sondern dass die anderen ihm geglaubt haben.“

Ökonomen sind Ideologen, die sich als Wissenschaftler verkleidet haben. Das Erstaunliche ist nicht, dass sie auf den Gedanken gekommen sind, sich als Wissenschaftler auszugeben. Das Erstaunliche ist, dass es von der breiten Öffentlichkeit geglaubt wird.

Ökonomen segeln unter falscher Flagge

Jede Wirtschaftstheorie baut auf einem Menschenbild auf (Liberalismus, Keynesianismus, Marxismus, Neoklassik, Neoliberalismus). Der moralische Bankrott der Ökonomen besteht darin, dass sie die moralischen Werturteile leugnen, die der jeweiligen ökonomischen Schule zugrunde liegen. Die Modelle der Ökonomen sind nur politische Theorien, die sie aber als objektive Wahrheiten ausgeben.

Ökonomen stellen sich als Physiker der Gesellschaft dar. Aber als Physiker spielt es keine Rolle, ob man Liberaler, Konservativer oder Sozialdemokrat ist. In den Wirtschaftswissenschaften ist das anders, weil sie keine Naturwissenschaften sind. Trotzdem nehmen die ökonomischen Schulen für sich wissenschaftliche Objektivität in Anspruch.

Alle Schulen hängen dem Irrglauben an, man könne die Wahrheit der wirtschaftlichen Prozesse in mathematischen Gleichungen und abstrakten Modellen finden. Aber die Modelle sind nicht wertfrei, sie beinhalten ein Ethos.

Ökonomen rechnen, aber sie denken nicht

Auf welches Niveau die Wirtschaftswissenschaft inzwischen gesunken ist, zeigt das Beispiel der Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart. Ihre angebliche Erkenntnis, dass ein staatlicher Schuldenstand von rund 90 Prozent das wirtschaftliche Wachstum verlangsamt, machte weltweit Furore und diente als Rechtfertigung für die harte Sparpolitik in der globalen Finanzkrise.

Doch die umgekehrte Erklärung ist genauso möglich: Ein langsames Wachstum treibt die Schulden in die Höhe. Der Erkenntnisgewinn geht also gegen null. Die beiden hochgerühmten Experten haben schlicht Korrelation mit Kausalität verwechselt, ein intellektuelles Desaster.

Alle Modelle der Ökonomen beruhen auf Zeitlosigkeit. Aber ökonomische Modelle sind zeitabhängig. In einer Krise reagieren die Menschen anders. Krisen sind Bestandteil der Welt, aber sie tauchen in den Modellen der Ökonomen nicht auf.

Laien interessieren sich für Gerechtigkeit

Die Wirtschaftswissenschaft ist keine exakte Wissenschaft, sondern wird maßgeblich durch Werturteile bestimmt. Und je näher eine Wissenschaft am Menschen ist, desto ungenauer und wertbestimmter werden die Aussagen. Und die Ökonomie ist sehr nahe am Menschen dran, denn es wird ja das wirtschaftliche Handeln des Menschen beschrieben.

Noch mehr durch Werturteile beladen als die Wirtschaftswissenschaft ist die Wirtschaftspolitik. Denn hier geht es um die “gerechte” Verteilung des Wohlstandes. Gäbe es die “richtige” Wirtschaftspolitik, dann könnte diese durch einen Computer ausgerechnet werden. Wirtschaftspolitiker und auch Wirtschaftsjournalisten würden dann nicht gebraucht.

Schon eine simple Aussage wie „Unternehmen sind dazu da, um Gewinne zu machen“, enthält ein Werturteil, nämlich die Sichtweise der Arbeitgeber. Die Sicht der Arbeitnehmer spiegelt dagegen die Aussage wider „Unternehmen sind dazu da, um den Wohlstand der Gesellschaft zu steigern“.

Wirtschaftswissenschaftler haben in der Öffentlichkeit einen schlechten Ruf, hat eine Studie des Roman-Herzog-Instituts herausgefunden. „In der Wirtschaft verfolgen Laien das Ziel der Gerechtigkeit, während Ökonomen die Effizienz im Blick haben”, heißt es in dem Papier.

Doch mit moralischen Fragen beschäftigt sich die wirtschaftliche Forschung so gut wie gar nicht – mit der Frage zum Beispiel „Wie kam die Ungleichheit zwischen den Menschen in die Welt?“

Stattdessen versucht die Wirtschaftswissenschaft mithilfe der Mathematik, ihre Lehren in die Nähe der Naturwissenschaften zu rücken und eine absolute Objektivität wie in der Physik vorzugaukeln.

Korrekt, präzise und absolut nutzlos

Wie es tatsächlich um die Weisheit der Ökonomen bestellt ist, versinnbildlicht ein kleiner Witz, den sich Ökonomen aber wohl nur untereinander erzählen, um die breite Öffentlichkeit nicht auf falsche Gedanken kommen zu lassen:

Ein Heißluftballon ist vom Kurs abgekommen und treibt orientierungslos über Berge und Täler. Endlich sehen die beiden Piloten tief unten einen Wanderer. “Wo sind wir?”, rufen sie ihm zu. “Ihr seid in einem Ballon”, ruft der Wanderer zurück. Worauf der eine Ballonfahrer zum anderen sagt: “Die Antwort ist präzise, korrekt und absolut nutzlos. Der Mann muss ein Ökonom sein.”

Formale Korrektheit und empirische Beliebigkeit – das ist ein Markenzeichen der Ökonomie. Diese Beliebigkeit der Wirtschaftswissenschaft hat der US-Schauspieler und Satiriker Danny Kaye treffend aufgespießt: „Wirtschaftswissenschaft ist die einzige Disziplin, in der jedes Jahr auf dieselben Fragen andere Antworten richtig sind.“

Nicht genug damit, dass es eine fast beliebige Anzahl von Faktoren gibt, sie können auch noch gegenseitig aufeinander einwirken. “Unglücklicherweise gibt es in den Sozialwissenschaften keine Experimente, in denen einzelne Faktoren isoliert werden können”, pflegen Ökonomen auf solche Einwände zu sagen.

So wie an den Börsen wegen des großen Spielraums in der Bilanzierung der Unternehmen der treffende Spruch zu hören ist: “Gewinn ist nur eine Meinung”, so sollte in der breiten Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür herrschen, dass auch mathematische Beweisführungen in der Ökonomie nur Interpretationen sind. Es sind auch immer andere Sichtweisen möglich.

Ökonomen behaupten, das menschliche Verhalten ließe sich naturgesetzlich bestimmen und damit auch vorhersagen. Zwar suggerieren menschliche Gewohnheiten solche Gesetzmäßigkeiten. Aber Gewohnheiten - auch kollektive Gewohnheiten - können sich ändern und sind somit alles andere als unumstößliche Naturgesetze.

Ökonomen sind festgefahren wie Ideologen

Das Elend der Ökonomen resultiert daraus, dass sie ihre Wissenschaft in die Nähe der Naturwissenschaften gerückt haben, obwohl es sich um eine Sozialwissenschaft handelt. In Diagrammen und mathematischen Formeln isolierbare Faktoren kommen in der Wirklichkeit so gut wie nie vor, das Zusammenwirken und gegenseitige Abhängigkeit ist die Regel.

In Wahrheit ist die Wirtschaftswissenschaft genauso präzise wie zum Beispiel die Geschichtswissenschaft. Doch Geschichte wird von Geschichtsschreibern erschaffen, sie ist viel eher ein Zweig der Literatur als Realität.

Die Ökonomen haben sich zu weit von ihren Ursprüngen entfernt. Adam Smith, der Stammvater der Wirtschaftswissenschaft, war Professor für Moralphilosophie in Edinburgh und überwand mit seinen Theorien den Merkantilismus, das frühmoderne - und fehlerhafte - Verständnis der Wirtschaft zur Zeit des Absolutismus vom 16. bis 18. Jahrhundert.

Zeit für einen neuen Adam Smith

Es ist Zeit für einen neuen Adam Smith, der den Irrweg der mathematischen Gleichungen und abstrakten Modellen in der Ökonomie überwindet. Solange Ökonomen diesen abstrakten Modellen anhängen, sind sie dazu verdammt, wie verirrte Ballonfahrer hilflos umherzutreiben, ohne jemals ans Ziel zu gelangen. Auf dem Papier können sie mit ihren Instrumenten zwar korrekte und präzise Standortbestimmungen vornehmen, doch leider stimmt ihre Landkarte nicht mit der Realität überein.

Selbst die globale Finanzkrise hat es nicht vermocht, die Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit der Ökonomen zu erschüttern. Es ist hohe Zeit für eine Selbstbeschränkung und Bescheidenheit der Wirtschaftswissenschaft. Jede Wissenschaft sollte sich in Selbstkritik üben. Aber weil Ökonomen sich als Ideologen gebärden und nicht wie Wissenschaftler, sehen sie auch keinen Grund zur Selbstkritik.

(Dies ist eine vertiefte Version des Artikels, der erstmals am 18. Juli 2012 auf wsj.de erschienen war.)

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