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Standardisierte Anlageberatung: Jetzt kommen die Roboter

Es ist heute eine Binsenweisheit, dass die Regulierung ganz maßgeblich den Wandel der Finanzmärkte bestimmt. Die EU hat im Frühjahr gerade wieder ein großes Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht, das aus einer Richtlinie (MiFID 2), einer Verordnung (MiFIR) und weiteren Regeln besteht, mit verschärften Vorgaben zum Anlegerschutz und zur Marktorganisation.

Dieses dichte Regelwerk ist auch eine Konsequenz der kürzlich vom "Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie" DICE bestätigten Aussage , "dass Finanzunternehmen Produkte gezielt in einer Art und Weise gestalten, die Konsumentenentscheidungen erschweren. So schreibt das DICE beispielsweise über verschleierte Preiselemente, dass irrelevante Produkteigenschaften hervorgehoben oder bewusst komplizierter Fachbegriffe verwendet werden. Teilweise würden sogar vorsätzlich minderwertige Finanzprodukte entwickelt, die ausschließlich unerfahrene Verbraucherinnen und Verbraucher zur Zielgruppe haben.

Aus diesem Verhalten und der daraus motivierten komplizierten Gesetzgebung folgt ein Problem für die Anlageberatung: Individuelle Finanzberatung wird mittlerweile prohitiv teuer und lohnt sich meist erst ab höheren sechsstelligen Anlagebeträgen. Für viele Banken sind mittlerweile die Kosten und Risiken individueller Beratung nicht mehr zu tragen.

Die Anlageroboter kommen

Ein Trend geht daher zu standardisierten Anlageempfehlungen. Und was standardisiert ist, lässt sich auch automatisieren. Die maschinelle Beratung ersetzt die menschliche Auskunft. Robo-Advisory (advise = beraten) wird das in Fachkreisen genannt. Das sind Online-Plattformen, die auf Basis standardisierter Fragen für Kunden Anlagen auf Basis eines "Algorithmus" empfehlen.

US-Plattformen wie Wealthfront oder Betterment oder in England Nutmeg machen es vor. In Deutschland startete bereits 2011 die Plattform Yavalu, die mit automatisierten Anlageempfehlungen Anlegern Orientierung geben wollte. Mittlerweile hat FinanceScout24 Yavalu erworben. Finance Scout 24 hat an die Empfehlungen gleich ein gemanagtes Depot zusammen mit dem Bankpartner ebase drangehängt.

Dirk Elsner
Dirk Elsner WSJ.de

Diese Angebote erschließen durch automatisierte Anlageempfehlungen neue Anlegerschichten für die Vermögensverwaltung. Die Robo-Advisors tauchen mittlerweile in immer neuen Varianten auf. Adressiert werden die Anleger, die sich nicht regelmäßig mit den komplexen Details der Kapitalanlage beschäftigen wollen oder können, aber gleichfalls an den Wertentwicklungen der Kapitalmärkte teilhaben wollen.

easyfolio mit eigenen Fonds

Eine weitere Variante ist zum Beispiel easyfolio. Die Philosophie von easyfolio baut auf die Erkenntnis, dass nur wenige Fondsmanager (insbesondere nach Abzug der Transaktionskosten) mit ihren Strategien besser sind als der Markt. Eine gute Geldanlage, das lehrt die moderne Portfoliotheorie, ist dann erfolgreich ist, wenn Kapital möglichst diversifiziert angelegt wird. easyfolio investiert daher über ETFs in einen Korb aus mehr als 5.000 Aktien und Anleihen, der die Weltwirtschaft so genau wie möglich abbildet. Die easyfolio betreibende Gesellschaft "EXtravest" kümmert sich nach Angaben des Mitgründers und Geschäftsführers Markus Jordan darum , diesen Prozess für den Anleger so einfach wie möglich zu machen. Auf Vertriebsprovisionen und Ausgabeaufschläge wird verzichtet, um die Kosten niedrig zu halten.

Tatsächlich ist das Konzept verblüffend einfach, denn hinter easyfolio verbergen sich drei Fonds, die Anleger über ihre Bank in einem Einmalkauf oder regelmäßig über Sparpläne erwerben können. Dabei beschränkt sich easyfolio auf die drei Klassen 30, 50 und 70. Die Ziffern geben den Aktienanteil des jeweiligen Fonds in Prozent an. Über die Webseite unterstützt easyfolio über eine schnell zu durchlaufenden Frage-Antwort-Katalog die mögliche Auswahl in Abhängigkeit von der persönlichen Risikoneigung und finanziellen Situation.

vaamo mit eigenem Depot

Auch vaamo versucht die Anleger bzw. Sparer von komplizierten Details der Kapitalanlage freizuhalten. Man legt dort zunächst ein Sparziel an, optional kann man einen Zielbetrag und ein Zieldatum angeben und/oder einen monatlichen Sparbetrag. Die Anleger erhalten dann eine grafische Übersicht mit einem von der Marktentwicklung abhängigen Korridor für die Entwicklung der Anlage. Anschließend kann man Vaamo beauftragen, einen Einmalbetrag oder einen monatlichen Sparplan anzulegen. Je nach Risikoneigung wird dann nach einem Algorithmus in verschiedene Einzelfonds angelegt. Hier gibt es also keinen Dachfonds wie bei easyfolio, sondern die Einzelfonds landen direkt in dem bei einer Fondsbank geführten Depot. Gekauft werden dafür ausgewählte Fonds. Vaamo erhält dafür eine Servicegebühr und sieht sich als Online-Service für eine komplette, automatisierte Geldanlage.

Daneben bietet justETF ein Tool, mit dem Anleger ihre Vermögensverwaltung in eigener Regie mit ETFs umsetzen können. Banken wie Cortal-Consors versuchen sich ebenfalls mit solchen Anlageplanern. Das Konzept wirkt aber im Vergleich zu den vorgestellten Ansätzen der FinTechs vergleichsweise blutleer und teuer. Deutlich eleganter wirkt hier quirion, das online-Anlagekonzept der quirin Bank, die sonst im gehobenen Segment ihr Geld mit Honorarberatung verdient.

Anspruchsvolle Vermögensanlage vereinfachen

Allen Angeboten merkt man übrigens den Spagat an zwischen den Anforderungen aus der strengen Finanzmarktregulierung und dem Anspruch, es für die Anleger möglichst einfach zu machen und sie vor der abschreckenden Sprache der Hochfinanz freizuhalten. Während man die Fonds von easyfolios ohne zusätzliche Verträge einfach über den eigenen Hausbroker ordern kann, ist bei vaamo der Registrierungsprozess etwas aufwendiger, weil am Ende ein eigenes Depot bei einer regulierten Bank eröffnet wird. Da in beiden Fällen die Fonds in einem eigenen Depots des Kunden geführt werden, sind diese geschützt, falls es einen dieser Anbieter nicht mehr geben sollte. Wichtig ist, dass der Kunde nach seinem Kauf nicht allein gelassen wird, sondern das Portfolio überwacht und bei geänderter Marktsituation an die vom Kunden gewählte Risiko-Rendite-Struktur angepasst wird (Rebalancing).

Robo-Advisors ergänzen das digitale Anlagegeschäft praktisch am unteren Ende, also dort, wo sich im Gegensatz zum Social-Trading, die Anleger gerade nicht mit den Details von Anlagestrategien, Analysen und Produkten beschäftigen wollen oder können. Diese Robo-Ansätze werden uns unter anderen Bezeichnungen immer häufiger begegnen, denn insbesondere die Regulierung MiFID 2 zwingt Banken und Vermögensverwalter nahezu zu dieser Form der „Beratung". Die standardisierten Fragen werden aber künftig wohl etwas differenzierter ausfallen müssen, denn bei einigen Robo-Advisors wundere ich mich, wie man aus zwei bis drei Fragen eine fundierte Entscheidung für einen individuellen Anleger gestalten kann. Die Plattformen müssen hier aufpassen, dass Robo-Advisory nicht zu einer reinen Vertriebsmasche degeneriert. Professionelle Investoren scheinen übrigens erhebliche Chancen in den Konzepten zu sehen, denn insbesondere die oben genannten angelsächsischen Plattformen konnten in den letzten Monaten Finanzierungsrunden um die 50 Millionen US Dollar abschließen.

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

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