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Fünf Gründe, warum wir Deflation fürchten müssen

Modegeschäft in Tokio: Japan hat lange Zeit mit einer moderaten Deflation gelebt. ENLARGE
Modegeschäft in Tokio: Japan hat lange Zeit mit einer moderaten Deflation gelebt. Reuters

Die Angst vor einer Deflation ist zurück. Weltweit sinkende Teuerungsraten schüren die Sorgen der Anleger vor einem generellen Preisverfall. Aber wieso ist Deflation eigentlich so schlimm? Schließlich klingen fallende Preise für Verbraucher eher verlockend – vor allem, wenn höhere Preise die Alternative sind.

Doch die Ängste sind berechtigt. Hier sind fünf Gründe dafür:

1. Deflation bedeutet einen pauschalen Verfall der Preise und manchmal auch der Löhne. Wer das Glück hat, eine Gehaltserhöhung zu bekommen, spürt diese natürlich noch stärker als in einem inflationären Umfeld. Diejenigen, deren Löhne sinken, die kürzer arbeiten oder sogar entlassen werden, werden am fallenden Preisniveau wenig Freude haben.

2. Arbeitgeber haben kaum Möglichkeiten, die Löhne anzupassen, wenn es die Bedingungen erfordern. Einfacher ist es, Gehaltserhöhungen zu geben, die unterhalb der Inflationsrate liegen, was Volkwirte eine Reallohnsenkung nennen. Wenn die Lohnentwicklung aber von einer „nominalen Rigidität nach unten” geprägt ist, werden die Firmen schlicht weniger Menschen einstellen.

Nobelpreisträger Paul Krugman hat es 2010 einmal so ausgedrückt: „In einer deflationären Wirtschaft müssen Löhne ebenso wie Preise oft fallen – es ist aber eine Tatsachte, dass es sehr schwer ist, die Nominallöhne zu senken… Das bedeutet, dass Volkswirtschaften im Allgemeinen keine fallenden Löhne erreichen, so lange es keine Massenarbeitslosigkeit gibt und Arbeiter so verzweifelt sind, dass sie Gehaltseinbußen akzeptieren.“

3. Wirtschafts-Fachbücher lehren, dass die Aussicht, dass Dinge morgen weniger kosten werden als heute, die Menschen dazu ermutigt, Käufe aufzuschieben. Wenn sich viele Menschen so verhalten, werden Unternehmen kaum noch einstellen und investieren – was die Lage noch schlechter macht.

4. Für Schuldner ist Deflation etwas Schreckliches. Während Preise und – eventuell – Löhne fallen, bleibt der Wert der Schulden gleich. Das zwingt Kreditnehmer dazu, ihre Ausgaben zu senken. Dies gilt für Verbraucher ebenso wie für Regierungen – und es ist eines der großen Probleme, dem sich Europa gerade gegenüber sieht. Wie Ökonom Irving Fisher von der Yale Universität schon vor Jahrzehnten schrieb, werden Schuldner ihre Ausgaben mit großer Wahrscheinlichkeit stärker zurückfahren als die Kreditgeber ihre erhöhen. Das kann zu einer schlimmen Abwärtsspirale führen. (Die Erfahrung Japans zeigt allerdings, dass eine Volkswirtschaft auch für lange Zeit mit einer moderaten Deflation leben kann, ohne in diese Abwärtsspirale zu geraten).

5. Zinsen lassen sich nur schwer unter null senken. Eines der magischen Instrumente von Federal Reserve und Europäischer Zentralbank bestand darin, in schlechten Zeiten die inflationsbereinigten Zinsen unter null zu senken, um Kreditvergabe, Ausgaben und Investitionen anzukurbeln. Es ist aber fast unmöglich, die nominalen Zinssätze auf weniger als Null zu reduzieren. Zwar gibt es einige Beispiele negativer Zinssätze, diese sind aber nicht sehr negativ.

Bei einer Inflationsrate von 4 Prozent führt eine Nullzinspolitik zu einem realen (oder inflationsbereinigten) Zins von minus 4 Prozent. Gibt es keine Inflation, ist ein Nullzins ein Nullzins. Und im Falle einer Deflation ist ein Nullzins real positiv. Deflation macht alles schwerer. Als die Fed die Kurzfristzinsen auf null zurücknahm, startete die Fed den Kauf von Massen langfristiger Anleihen – bekannt als Quantitative Easing oder QE. Es gibt aber eine anhaltende Debatte über die Wirksamkeit von QE sowie seine Nebenwirkungen. Und wie sich bei der EZB zeigt, gibt es politische Hürden für die Einführung von QE, die sich bei simplen Zinssenkungen nicht auftun.

Es gab einmal eine Zeit, da schienen die amerikanische und andere Volkswirtschaften so anfällig für Inflation zu sein, dass nicht einmal niedrige Inflationsraten Deflationsängste hervorriefen. „Heute ist dieser Glaube an eine inflationäre Verzerrung verschwunden, oder zumindest sehr stark gedämpft“, hat Brad DeLong von der Universität Berkeley bereits 1999 beobachtet. Noch immer gibt es einige Leute, die sich sorgen, dass die Inflation hinter der nächsten Ecke lauert, weil die Fed und andere Zentralbanken über Quantitative Easing so viel Geld in die Wirtschaft gepumpt haben. Genau das Gegenteil ist heute aber die größere Gefahr – vor allem in Europa.

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