DOW JONES, A NEWS CORP COMPANY
Sections
  • Today's Paper
  • SHOW ALL SECTIONS HIDE ALL SECTIONS
    HIDE ALL SECTIONS
Aim higher, reach further.
Get the Wall Street Journal $12 for 12 weeks. Subscribe Now

Die iBank von Apple ist nur eine Frage der Zeit

Apple-Chef Tim Cook stellt am 9. September das Bezahlsystem des Konzerns vor.  ENLARGE
Apple-Chef Tim Cook stellt am 9. September das Bezahlsystem des Konzerns vor. Getty Images

Anfang 2004 saßen Führungskräfte von Apple in einem Strategie-Meeting, als sie begannen, sich über ihre Mobiltelefone zu beschweren.

Sie beklagten sich über das Design, die Funktionalität oder besser deren Fehlen – kurzum: so ziemlich alles. Apple-Gründer Steve Jobs, zur damaligen Zeit auch Vorstandschef des Unternehmens, nannte die Handys „hirntot". So steht es zumindest in der Jobs-Biographie von Walter Isaacson aus dem Jahr 2011.

Das Strategietreffen war das Saatgut für eine Entwicklung, die schließlich zur Premiere des iPhone im Jahr 2007 führte. Es war gleichzeitig der Auftakt für den Niedergang des damaligen Handy-Establishments: In weniger als drei Jahren verloren Motorola Solutions, Nokia, Blackberry und andere massiv Marktanteile an das iPhone.

Das Beispiel zeigt, warum es nur eine Frage der Zeit ist, bis Apple – oder ein anderes Technologieunternehmen – mit einer Bank an den Start gehen wird. Und dabei geht es nicht um eine schlichte Partnerschaft mit einer Bank oder der Anbindung an ein Zahlungssystem wie Visa oder Mastercard. Es geht um die Gründung einer eigenen Bank oder die Übernahme einer bestehenden.

Mit dem mobilen Bezahlsystem namens Apple Pay, das Apple in der vergangenen Woche für das iPhone 6 und die neu entwickelte Apple Watch vorstellte, ist die Tech-Bank wieder einen Schritt näher an die Realität herangerückt.

Die iBank, Apple Bank oder Google Bank ist nicht nur wahrscheinlich, sie ist unvermeidbar und näher als viele denken. Die Tatsache, dass die meisten der jüngst vorgestellten Elektronikgeräte Bezahltechnik enthalten, verdeutlicht das.

Der Rechtswissenschaftler Adam Levitin von der Georgetown Law School glaubt, Apple habe sich gerade zu einem „regulierten Finanzinstitut" gemacht und unterliege nun der Aufsicht der Finanzbehörde Consumer Financial Protection Bureau.

Bargeld wird digitalisiert

Das Silicon Valley greift seit Jahren auf den Bereich der Finanzdienstleistungen über, insbesondere im Privatkundengeschäft. Es gibt den mobile Bezahldienst Google Wallet sowie Paypal und Square, die Zugang zu traditionellen Bezahlwegen ermöglichen.

Diese Systeme zielen im Wesentlichen darauf ab, ein Problem zu lösen, mit dem sich herkömmliche Banken seit Jahren herumschlagen: Sie sollen das kalte, harte Bargeld aus den Portemonnaies der Kunden nehmen und es digitalisieren – nicht zuletzt, um so die Transaktionskosten zu senken. Der Schritt zum elektronischen Zahlen folgt auf dem Entwicklungspfad vom Geldautomaten bis zur Smartcard.

Keine der Neuerungen aus der Tech-Welt dient jedoch als Institution, die auch Einlagen annimmt. Einige kommen dem nahe. Bitcoin-Börsen etwa halten Einlagen und bieten Auszahlungskarten. Die Simple Bank, im vergangenen Jahr von Software-Entwicklern gegründet, bietet günstige Gebühren, wickelt alle Verbindungen für Kunden ab, hat eigene Geldautomaten-Vereinbarungen und tut eigentlich alles, außer das Kundengeld selbst zu halten und sich mit Regulierern herumzuschlagen. Diesen Part übernahm eine andere Bank, die Bancorp Bank of Delaware.

Simple wurde inzwischen von der spanischen BBVA aufgekauft. Aber es gibt andere Start-ups wie die Peer-to-peer-Kreditgeber Prosper Marketplace oder Lending Club. Letzterer hat im August die Unterlagen für einen Börsengang eingereicht. Diese Start-ups bieten im Allgemeinen Kredite an Schuldner an, die – in manchen Fällen – bei herkömmlichen Banken kein Geld zu zufriedenstellenden Konditionen bekommen. Sie vergeben aber auch ganz klassische Kredite. Finanziert werden diese jedoch nicht von Sparern, sondern von Anlegern.

Apple sichert sich Teil der Gebühren

Ob nun leichtere Online-Transaktionen mittels Paypal, Bezahlen im Vorbeigehen per Smartwach, Einlagen bei einer Bitcoin-Börse oder Geldleihe von Anlegern: Es ist kein großes Wagnis zu behaupten, dass ein wachsender Anteil des Bankgeschäfts nicht mehr von den Banken selbst erledigt wird.

Was für die Tech-Konzerne ein zusätzlicher Segen ist, wird für die Banken ganz offensichtlich zum Problem. Apple wird sich Berichten zufolge einen Teil der Gebühren abzapfen, die Banken bei Transaktionen mit dem iPhone oder der Apple Watch verlangen. Allerdings geht es hierbei branchenweit nur um rund 40 Millionen Dollar jährlich. Ein viel größeres Ziel könnten die 32 Milliarden Dollar sein, die die amerikanischen Banken als Ganzes im Jahr von ihren Kunden einsammeln. Zwar sind die Kontogebühren im vergangenen Jahrzehnt gefallen, sie standen 2013 aber immer noch für 14,1 Prozent der Einnahmen außerhalb des Zinsgeschäfts.

Hinter dem Vorstoß der Tech-Größen in den Bankensektor steht aber mehr als die Aussicht auf Gewinne. Ein Großteil der heutigen Technologie zielt auf „Disruption" ab – anders ausgedrückt: Es geht darum, die Art wie Kunden untereinander und mit Unternehmen interagieren, neu zu gestalten. Man denke nur daran, was Uber mit dem Tax-Gewerbe tut, oder was Amazon.com im vergangenen Jahrzehnt mit dem Einzelhandel getan hat.

Trotz aller Fortschritte im Online- und Mobile-Banking hinken Banken in Sachen Kundenzufriedenheit anderen Branchen weiter hinterher. Laut Umfragen in den USA liegen sie hinter Autoherstellern, Genossenschaftsbanken, Versicherern und nur hauchdünn vor der nationalen Post.

Grenzen sind längst verwischt

Anders als die Mobilfunkbrache vor einem Jahrzehnt stehen Banken im Besitz von Tech-Konzernen allerdings vor einer bedeutenden Hürde: der Regulierung. Daran scheiterte zum Beispiel der US-Einzelhandelsriese Wal-Mart, als er sich vor ein paar Jahren um eine Banklizenz bewarb – einer Idee, die auf erbitterten Widerstand der Bankenbranche traf.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Unternehmen wie Paypal und Simple sowie der Wandel von herkömmlichen Banken zu Mobil- und Online-Plattformen haben die Grenzen dessen, was eine Bank ist und was nicht, verwischt.

Das alles bringt uns zurück zu dem Strategietreffen bei Apple, in dem Steve Jobs Handys als „hirntot" bezeichnete. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die gleichen Diskussionen irgendwo im Silicon Valley derzeit mit Blick auf das Bankgeschäft geführt werden. Irgendwer wird sich über seine oder ihre Bank beschweren und denken: „Wir können das besser." Bemerkenswert ist, dass sie – wie Apple Pay zeigt – in mancher Hinsicht bereits besser sind.

Advertisement

Popular on WSJ